Musik-Neuentdeckungen 12/2014

Wie jeden Monat stelle ich hier die Lieder vor, die ich neu entdeckt habe - weil ich sie zu schätzen gelernt habe, weil sie nach langer Zeit wieder aufgetaucht sind oder weil sie einfach neu sind. Radio, Konzerte, Festivals und Empfehlungen von Freunden und Bloggern bringen immer wieder frischen Wind in meine Sammlung und die hier ausgewählten Titel, oft auch andere Titel der Band, möchte ich als Empfehlung an euch weitergeben. Aufgrund der schwierigen Lage in Deutschland gibt es meistens keine Links, aber über Google, Spotify & Co findet sich alles.

Alison Mosshart - Tomorrow never knows
Mit Tomorrow never knows kam ich als Kind das erste Mal in Berührung, da meine Mutter großer Phil Collins-Fan ist und mich auch zu einem machte. Seine Version fand ich damals etwas verstörend. Heute bin ich großer Fan experimenteller Musik und halte sie mit den rückwärts abgespielten Aufnahmen und verrückten Sounds für ein Meisterwerk. Alison Mosshart (die mir als Sängern von The Kills bekannt ist) treibt es nicht ganz so weit, verleiht dem Song aber mit ihrer markanten Stimme ebenfalls eine überragende Ausdruckskraft. Bevorzugt laut anhören.
Blue - All Rise (WDR2)
Dieser Song muss über zehn Jahre alt sein, denn ich erinnere mich, noch Kinderradio Lilipuz gehört zu haben, als er rauskam. Während Blue weiterhin recht erfolgreich waren, ist das Lied in der Versenkung verschwunden und wurde an Heiligabend von WDR2 wieder ausgekramt. Auf dieser Liste landet es vor allem, weil es mich ein bisschen an die Zeit damals erinnert - der Text war mir damals durch die Sprachbarriere unverständlich, ergibt aber auch heute noch nicht allzu viel Sinn.
Swedish House Mafia - One
Inzwischen denke ich manchmal daran, auf Partys den Namen des aktuellen Tracks zu erfragen, und meist hat man den ja auch schon zig Mal gehört... "One" ist vermutlich einer dieser House-Tracks, an denen man in keiner Disko vorbei kommt. Muss man auch eigentlich gar nicht mehr zu sagen.
Outkast - Hey Ya
Gleiche Party, ganz andere Musik. Dieser Song erinnert mich immer an irgendwas bzw. löst eine bestimmte Stimmung in mir aus, von der ich mir aber selbst nicht sicher bin, wo sie herkommt bzw. woran es mich erinnert. Was soll's.
Panjabi MC - Mundian To Bach Ke
Und noch einer von J.s Scheunenparty. Obwohl dieser Titel Wikipedia zufolge eine ganze Richtung innerhalb des Hip-Hop begründete, ist mir bisher nichts ähnliches untergekommen. Indische Instrumentierung und Gesänge, eine Melodie ähnlich der Titelmelodie von Knight Rider und diskotauglicher Bass. Ziemlich schräg, aber auch ziemlich gut.


Momente, die glücklich machen

In der Adventszeit teilt sich die Bevölkerung zumindest ein bisschen: Einige gehen total im Kaufrausch auf, manche dekorieren wild, andere sind gestresst weil alles perfekt werden muss, die Glücklichen genießen ganz entspannt die Vorfreude auf Weihnachten und das Fest selbst und manche sind einfach die ganze Zeit grumpig, weil sie nichts damit anfangen können oder die aufgesetzte Glücklichkeit nicht ertragen. Ich gehöre zur backenden Fraktion und freue mir ein Loch in den Bauch, wenn die verschenkten Leckereien gut ankommen (und fülle es dann mit Schokolade). Inspiriert davon, aber für Adventsfreunde und -feinde gleichermaßen geeignet, möchte ich heute ein paar Einträge aus meiner privaten Liste schöner Erlebnisse mit euch teilen und damit auch ein bisschen Freunde am Leben - ganz unabhängig von der Jahreszeit.


  • Eine Bekannte um Materialien zu einer Andacht bitten, weil man die so toll fand, und dann von ihr zum Kaffee eingeladen werden, weil sie sich so freut, dass die Andacht so gut ankam
  • Von Menschen erkannt werden, die man vor über einem Jahr ein einziges Mal getroffen hat und die einem zwar wichtig sind, weil man sehr prägende Erlebnisse mit ihnen hatte, zu denen man aber seitdem keinen Kontakt hatte
  • In der Bahn mit der Sitznachbarin zusammen anfangen müssen zu lachen, weil wir beide dem gleichen dämlichen Gespräch anderer Fahrgäste gelauscht haben
  • Bei einem Konzert mit unglaublich guter Stimmung den Rucksack fremden Zuschauern anvertrauen, um ihn zum Technikpult durchreichen zu lassen, und nach dem Konzert dort unversehrt einsammeln (Foto links unten von Philip Wilson)
  • Vor der Halle einer überfüllten Konzertlesung zu ein paar singenden Jugendlichen dazu setzen und selber Musik machen, und am Ende sitzt da vor der Halle eine riesige Gruppe singender, musizierender und Chips futternder Jugendlicher, die sich eigentlich gar nicht kannte

In unserem oft stressigen und nervigen Alltag ist es manchmal schwer, die Augen geöffnet zu halten für die großen und kleinen schönen Dinge, die uns ständig passieren. Daher schreibe ich immer wieder ein paar davon auf - eisbrechende Situationen in öffentlichen Verkehrsmitteln, Momente, in denen Vertrauen belohnt wird, Dinge, für die ich dankbar bin, Erfolgserlebnisse. Alles, was die Hoffnung stärkt, dass viele der Menschen um uns herum ganz wunderbar sind und dass wir in unserer merkwürdige Welt ein glückliches Leben führen können, wenn wir uns ein bisschen bemühen. Die Liste ist lang, und sie wächst immer weiter.



Deuter Aircontact und DSLR-Ausrüstung

Ergänzend zum Testbericht, der im Kauf eines Deuter Aircontact 65+10 endete, möchte ich noch zeigen, wie ich an eben dem Rucksack mein Kamera-Equipment angebracht habe. Leider gibt es nahezu keine Trekkingrucksäcke, die eine Unterbringungsmöglichkeit für eine professionelle Fotoausrüstung bieten, und schon gar keine, bei denen man auch noch schnell auf die Kamera zugreifen kann, wenn man sie mal braucht. Und wer nicht gerade explizit reist, um zu fotografieren, will nicht bei jedem Motiv anhalten, den Rucksack abnehmen, die Kamera rauskramen und danach alles wieder einpacken, vom Stativ mal ganz zu schweigen.

Während das Stativ nach einigen Versuchen gleich auf mehrere Arten montiert werden kann, lässt sich die Kamera-Problematik leider nur durch eine separate Tasche realisieren. Ich habe dafür meine Mantona Premium verwendet, die mir schon länger gute Dienste leistet und durch den abnehmbaren Schultergurt auch recht gut mit Karabinerhaken verwendet werden kann.

Die naheliegendste Variante ist, die Tasche an den Hüftgurt zu hängen. Dafür habe ich zwei alte Schnürsenkel seitlich an den Gurt geknotet und mir so ein paar Ösen geschaffen, in die die Tasche mit Karabinern eingehängt werden kann. (Nebenbei lernte ich, was ein doppelter Achter ist und dass er mir für dieses Vorhaben nichts nützt.) Dadurch habe ich quasi kein zusätzliches Gewicht und die Tasche hängt in einer angenehmen Position vor der Hüfte.

Nachteilig ist dabei natürlich, dass der Deckel bei dieser Montage zum Körper hin öffnet, andersherum wäre aber auch nicht besser. Eine Alternative wäre zum Beispiel, die Tasche an den Ösen an der Brustgurtverstellung einzuhängen, was auch den Rucksack schonen würde. Damit hinge die Tasche höhenverstellbar vor dem Bauch.

Bild des PrusikknotensUmsetzen lässt sich das besonders komfortabel, wenn man gleich vier Schnüre verbastelt, nämlich auf jeder Seite eine lange Schnur, die an besagter Öse befestigt wird und nach unten hängt, und eine zweite, die quer dazu geklemmt wird. Die zweite Schnur kann dabei ruhig kurz sein - sie dient nur dazu, anschließend den Karabiner mit der Tasche einzuhängen, der dann in der Höhe verstellt werden kann. Das funktioniert natürlich nur, wenn man einen geeigneten Knoten verwendet - die Knotenkunde bei WikiBooks hilft weiter. Das Bild zeigt den Prusikknoten, mit dem ich meine Schnürsenkel verbunden habe.

Bei der Reise hat sich dann allerdings herausgestellt, dass (mich) das Geschaukel der Tasche in beiden Fällen schnell nervt. Daher habe ich die ganzen Ideen wieder verworfen und einen ganz anderen Ansatz gewählt und die Tasche einfach zusätzlich zum Rucksack umgehängt. Das hätte ich die ganze Zeit schon tun können, mit dem normalen Gurt rutscht die Tasche aber immer herunter. Das Schulterpolster soll normalerweise das Tragen der Fototasche angenehmer machen, liegt nun aber auf dem Trekkingrucksack auf und rutscht daher. Abhilfe schaffte dann ein vor Ort improvisierter alternativer Schulter"gurt" aus den schon vielfach genannten Schnürsenkeln. Dadurch konnte ich die Länge selbst wählen und es gab genug Reibung, um ein Rutschen der Tasche vom Rucksack effektiv zu verhindern. Um die Kameratasche einzeln zu tragen, ist das natürlich total unbequem.

Fehlt noch das Stativ. Die Basis des eben erklärten Prusikknotens ist der Ankerstich, den viele sicher schon kennen und nur nicht benennen können - es ist der Knoten, mit dem man beispielsweise ein Schlüsselband an einer Gürtelschlaufe befestigen kann. Man führt dabei eine Schlinge um einen zu klemmenden Gegenstand oder wie beim Prusikknoten um ein Seil und dann wieder durch die Schlinge selbst. Damit habe ich versuchsweise mal das Stativ auf den Rucksackdeckel geschnallt.

Dort sind vier Ösen angebracht, an denen man auch Gepäckspanner einhaken könnte. Für vergleichsweise dünne Gegenstände wie das Stativ wären diese Spanner aber total überdimensioniert. So habe ich einfach zwei weitere Schnüre zu Schlingen verknotet (was dann Sackstich heißt - danke WikiBooks), durch jeweils zwei gegenüberliegende Ösen geführt und mit dem oben beschriebenen Ankerstich zugezogen. Das Stativ wird so wunderbar zwischen den Schnüren und dem Rucksackdeckel festgeklemmt. Der Knoten zieht sich fest, wenn man ihn gleichmäßig belastet - so wie es passiert, wenn das Stativ beim Transport gegen die Schnüre drückt. Zieht man von Hand nur an einem Ende der Schlinge, löst sich der Knoten sofort und man hat mit einem Handgriff das Stativ komplett gelöst. Das geht sogar schneller als früher bei meinem Fotorucksack, der eine Stativhalterung mit Gummis hatte.

Mit ausreichend langen Schnüren lässt sich die gleiche Methode auch auf der Längsseite des Rucksacks verwenden; das Stativ wird dann so montiert wie bei manchen Fotorucksäcken. Um ein Rutschen nach unten zu verhindern, kann man dann z.B. eine dritte Schnur als Sicherung direkt an das Stativ knoten und nach oben spannen. Allerdings erreicht man mit der Knotentechnik eine so hohe Festigkeit, dass das Stativ bei mir schon mit nur einer Schnur nicht mehr rutscht - mit zwei sollte es dann auch unterwegs halten. Rückenschonender ist allerdings die Position auf dem Deckel. Der Deuter Aircontact bietet außerdem seitlich Fächer für Wasserflaschen, die auch über Kompressionsriemen verfügen, so dass man das Stativ auch dort verstauen kann, wenn man nur eine Flasche dabei hat. Das war letztlich die Variante, für die ich mich entschieden habe, als der Rucksack im Flugzeug nach Island transportiert wurde.

Man sieht nun vermutlich schon, wieviele Möglichkeiten man hat, auch sperriges Gepäck auf praktische Weise zu verstauen, wenn man etwas Kreativität mitbringt. Die Knotenkunde hat mir dabei sehr geholfen; auf die Idee, Kletterknoten zu verwenden, wäre ich nie gekommen, wenn ich nicht letztes Jahr gesehen hätte, wie ganze Baumhäuser gebaut und befestigt werden nur unter Verwendung von Seilen und entsprechenden Knoten. Aber das ist wieder ein anderes Thema.



Bequemes Schuhwerk & Daumen raus: Hitchhiking in Island

Hiking - 0007.jpg

Per Anhalter fahren ist etwas, von dem einem in Deutschland sehr häufig abgeraten wird. Ausgehend von dem Entsetzen, das man erntet, wenn man das Thema anspricht, muss man quasi einplanen, ausgeraubt und vergewaltigt zu werden. Dabei sind es nüchtern betrachtet vor allem technische Dinge, die das Trampen in Deutschland schwierig machen - viele Autobahnen, auf denen man schnell fahren darf (im Gegensatz zu maximal 90km/h in Island), viel Verkehr mit einem hohen Anteil an Fahrern, die auch für kurze Strecken die Autobahn benutzen. Das Risiko, auf Verbrecher zu treffen, kann dagegen eher gering eingeschätzt werden - es ergibt ja auch nicht viel Sinn, mit dem Auto durch die Gegend zu fahren in der Hoffnung auf ein potenzielles Opfer mit ausgestrecktem Daumen.

In Island hingegen ist es häufig der erste Rat, wenn man fragt, wie man denn irgendwo hin kommt: Just go hitchhiking, it's really easy. Die Aussicht, in aller Seelenruhe die verschiedenen Landschaften ansehen zu können, fand ich auch verlockend. Also probierte ich es direkt mal aus, fuhr mit dem Bus von Reykjavik, wo ich wohnte, an den Rand der Nachbarstadt Mosfællsbaer, von wo eine Bundesstraße zum Nationalpark Þingvellir führt, der mein erstes Ziel war. Ich lief also bei bestem Sonnenschein besagte Straße entlang und hielt den nahenden Autos meinen Daumen vor die Scheibe. Und tatsächlich hielt nach wenigen Minuten schon ein Wagen an und zwei Koreaner boten mir an, mich ein Stück mitzunehmen.

Es traf sich, dass die beiden Reporter waren, und so hielten wir auf dem Weg zwischendurch an, um die Landschaft zu fotografieren. Selbst etwas ahnungslos ließ ich mich schließlich beim erstbesten Information-Schild rausschmeißen, die beiden mussten noch deutlich weiter. Der Ort war glücklicherweise genau richtig und am Ende des Tages stand ich also wieder irgendwo in der Pampa an einer Bundesstraße - diesmal jedoch mutterseelenallein.

Mutterseelenallein liefert immerhin eine Antwort auf die heiß diskutierte Frage, ob es wohl sinnvoller ist, an einem guten "Spot" stehen zu bleiben oder immer weiter zu laufen: Wenn niemand kommt, sollte man sich wohl besser zu Fuß dem Ziel nähern. Nach ein paar Minuten kam dann aber ein einzelnes Auto und hielt tatsächlich auch direkt an. Diesmal waren es zwei Finnen, die - Klischee bestätigt - recht schweigsam waren, mich aber sogar bis nach Reykjavik zurück fuhren.

Abgesehen von der obigen Situation ist es meiner Meinung nach meistens besser, an einer sicheren Stelle, an der Autos gut anhalten können, stehen zu bleiben und zu warten. Damit war ich noch mehrere Male ähnlich erfolgreich. Sowohl einige Isländer als auch viele Touristen, sogar deutsche, nehmen Tramper mit und fahren sie gerne an ihren Zielort, wenn er einigermaßen auf der Strecke liegt. Sorgen gemacht habe ich mir nur einmal - als eine ältere Frau meine Fahrerin war, die die ganze Zeit nur davon redete, dass es doch viel zu gefährlich sei, an der Straße zu stehen, und dass ich doch lieber den Bus nehmen solle. Sie konnte mich auch nur ein Stück mitnehmen und da sie mir partout nicht abnehmen wollte, dass ich schon mit jemand anderem weiter kommen würde, setzte ich mich brav an die Bushaltestelle und wartete, bis sie weg war. Kurz darauf fuhr mich jemand anders ans Ziel.

Leider ist der Erfolg beim Trampen abhängig von ungefähr allem, im Wesentlichen von der Straße und der Uhrzeit. Auf welchen Straßen viele Anhalter fahren und auf welchen wenige, findet man allerdings nur durch Ausprobieren heraus - so war ich auf der Straße nach Þingvellir immer sehr schnell erfolgreich, auf der Straße nach Gullfoss, einem ähnlich touristischen Ort, bin ich aber dermaßen gescheitert, dass mir die Lust komplett verging. Stundenlang hielt niemand an und am Ende ließ ich mich wieder in die Hauptstadt zurück fahren, statt wie geplant weiter ins Land zu fahren, um dort mein Zelt aufzuschlagen.

Das mit dem Zelt hatte in der Nacht zuvor noch einigermaßen geklappt. Die Strecke, die ich abwechselnd entlang fuhr und wanderte, führte durch eingezäuntes Weideland, aber nach einigen Kilometern fand ich das Haus des Besitzers, der mir freundlicherweise gestattete, in seinem Garten zu zelten. Wohlgemerkt: Er sprach gar kein Englisch, sein Sohn musste übersetzen! Ein klares Zeichen für die Gastfreundlichkeit der Isländer, schließlich hätte er mich auch wegjagen können.

So endete meine kleine Reise etwas enttäuschend, aber zu dem Zeitpunkt war ohnehin schon klar, dass meine Kondition für eine fast einwöchige Wandertour noch nicht gut genug ist. Und einige andere interessante Menschen habe ich immerhin noch getroffen - zum Beispiel den Piloten im Ruhestand, der überwiegend in Luxemburg gelebt hat und besser Deutsch sprach als die Stuttgarter mit dem Wohnmobil Englisch. Oder die Isländerin, die mal in München war und nach deutschen Landschaften gefragt hat. Nicht zu vergessen der Typ mit dem fetten Soundsystem, der mir isländische Partymusik und Gabba näher bringen wollte und dabei Rockklassiker einstreute. Unterhaltsame Erlebnisse, die ich nicht missen möchte - und Gründe, sich von dem Gedanken zu lösen, dass alle Menschen böse sind, denn unsicher gefühlt habe ich mich nie.



In Lavahöhlen und auf Gletschern - zwei Wochen Island

Es ist Sonntag, in sieben Stunden fährt mein Bustransfer zum Flughafen Keflavik1 und ich sitze im Zimmer meines Gastgebers, mitten in Reykjavik. Die letzten zwei Wochen2 habe ich in einer WG mit dem Isländer Karl und der Spanierin Anna gewohnt, zunächst im Garten im Zelt, jetzt drinnen, da mein Gastgeber selbst auf Reisen gegangen ist. 14:51 Uhr isländischer Zeit, draußen ist es hell und bewölkt - aber diese beiden Aussagen stehen in keinerlei Zusammenhang, denn im Sommer wird es hier auch nachts nicht dunkel und das Wetter kann sich in fünf Minuten schon wieder drastisch ändern. Das ist das erste falsche Klischee - in Island ist es nicht ständig kalt, es ist sogar teilweise recht warm (bis 25°C) und selbst im Winter wird es in manchen Regionen nichtmal so kalt wie in Deutschland. Dafür ist das Wetter aber wesentlich launischer und kann durchaus stundenlang alle paar Minuten komplett umschwingen.

Ein weiteres falsches Klischee ist, dass Island stets so malerisch aussieht wie hier bei der Süddeutschen. Polarlichter sieht man im Sommer gar nicht aufgrund der eben genannten Dauerhelligkeit :( und auch ansonsten sind natürlich auch isländische Landschaften abhängig von Wetter und Licht und es gibt durchaus auch Gebiete, die einfach langweilig sind.

Aber Island ist groß und in Deutschland würde auch niemand zwei Wochen Urlaub in Herne3 verbringen. Einige wenige Gegenden sind hier bereits touristisch stark erschlossen - erkennbar an den vielen Bussen und Menschen, die Deutsch oder schlechtes Englisch reden -, aber vielerorts sind Natur und Landschaft noch vollkommen unberührt. Im Nationalpark Þingvellir (für englische Aussprache: Thing-wet-lit) heißt das: Verlässt man die Hauptwege, muss man sehr aufpassen, die Natur nicht zu zerstören, und man muss auch auf der Hut sein vor Spalten in den überwachsenen Lavafeldern und steilen Klippen. Auf Schilder wie "Warning, this dangerous looking place is dangerous" wird hier generell verzichtet.

Wer sich dessen bewusst ist, wird mit atemberaubenden Ausblicken belohnt. Kristallklare Gewässer, farbenfrohe Vegetation an den verrücktesten Stellen und beeindruckende Gebirgslandschaften sind nur einige davon.

Gullfoss waterfall on IcelandDer "Golden Circle", die wohl bekannteste Touristenroute, führt nach dem Nationalpark in den Ort Geysir, an dem sich eine größere Ansammlung von - Überraschung - Geysiren befindet. Diese dürfen keineswegs mit den zum Baden geeigneten heißen Quellen verwechselt werden, denn es handelt sich hier um aus der Erde austretendes kochendes schwefelhaltiges Wasser. Entsprechend dumm haben die Touristen geguckt, die sich zu nah an einen der größten Geysire gewagt haben, um dessen Ausbruch fotografisch festzuhalten. :D Das heiße Wasser aus heißen Quellen und Geysiren wird übrigens direkt in das Wassernetz eingespeist - dadurch sparen sich Isländer Energiekosten zum Erwärmen von Wasser z.B. zum Duschen, müssen aber mit dem Schwefelgeruch und der ungeklärten Frage nach der gesundheitlichen Verträglichkeit leben. Die Location ist auch beliebt für Filmdrehs - ein deutsches Team drehte gerade eine Szene für "Ein Sommer in Island"4, als ich dort war.

Þingvellir national park IcelandDie letzte Station auf der mit gehetzten Bustouren üblicherweise weniger als einen Tag dauernden Route führt nach Gullfoss, zum von der Wassermasse her größten Wasserfall Islands, der auch generell einer der größten der Welt ist (erstes Bild). Wasserfälle finden sich in Island aber auch an vielen anderen Orten. Die wenigsten sind so groß und mächtig wie Gullfoss, aber die Vielfalt hat mich trotzdem sehr beeindruckt. (zweites Bild: ein Wasserfall bei Seljalandsfoss, drittes Bild: kleiner Wasserfall in Þingvellir)

Seljalandsfoss, IcelandAls Warm-Up ist diese Route sicher geeignet, die beeindruckendsten Erlebnisse hatte ich aber mit Kalli, meinem Gastgeber, der bei einem freiwilligen Rettungsdienst arbeitet und daher über reichlich Ortskenntnis und Erfahrung mit unwirtlichen Gegenden verfügt. Dazu gehört das Erkunden einer der zahlreichen Höhlen in den Lavafeldern - wenn man mittendrin steht, ist es viel leichter vorstellbar, wie noch vor einigen hundert Jahren glühende Lava in reißenden, extrem heißen Strömen durch Island floss. Die Vielfalt der Farben und Formen geschmolzenen und zerstörten Gesteins flößt selbst erfahrenen Isländern immer wieder Respekt vor den Naturgewalten ein, erst Recht, wenn man bedenkt, dass auch heute noch etliche Vulkane aktiv sind - und "Ausbrüche" wie das kleine Husten des auf Island eher unbedeutenden Eyjafjallajöküll 2010 kaum vergleichbar sind mit richtigen Vulkanausbrüchen.

Von tief unten ging es später auch noch hoch hinaus. Mit Crampons, an Schuhe anschnallbare eisbrechende Klingen, und Eispickeln ging es auf den Sólheimajöküll, einen der kleineren Gletscher. Auch hier gibt es wieder zahlreiche Möglichkeiten für Fehleinschätzungen: Es ist dort oben keineswegs unfassbar kalt, Handschuhe waren unnötig. Trotzdem läuft man natürlich auf Eis, das genauso rutschig ist wie jedes andere Eis - daher sollte man keineswegs glauben, auf Turnschuhen dort herumlaufen zu können, denn dann endet man möglicherweise wie so mancher Tourist erfroren oder durch Quetschungen erstickt in einer Gletscherspalte. Das Aufeinanderprallen des warmen Wetters und des gefrorenen Eises wurde uns dann auch schnell deutlich, als wir die nahezu reißenden Bäche sahen, in denen Schmelzwasser den Gletscher herunterfloss - mir kann jedenfalls keiner mehr erzählen, den Klimawandel gäbe es nicht, auch wenn er für die Erde als Ganzes auf lange Sicht sicher irrelevant ist. Ebenfalls beeindruckend: Gletscher wandern, auch unabhängig vom Schmelzen, bis zu 200 Meter im Jahr; also alleine in den Stunden, die wir dort oben waren, schon mehrere Zentimeter.

Sólheimajöküll - Wasserfall.jpg

Island ist mit seiner einzigartigen Landschaft und der Lage auf zwei tektonischen Platten also durchaus ein geeigneter Ort, um beeindruckende Naturphänomene zu erleben. Daher werde ich sicher irgendwann erneut dorthin reisen, um weitere Teile des Landes zu erkunden. Man sollte sich nur nicht von extrem bearbeiteten Fotos blenden lassen oder nur mit Tourismus-Firmen reisen - denn dann wird man enttäuscht oder verpasst die besten Orte.

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  1. einziger internationaler Flughafen Islands
  2. Dieser Artikel entstand im Juni
  3. eine mäßig aufregende Stadt im Ruhrgebiet mit ähnlich vielen Einwohnern wie Islands Hauptstadt Reykjavik
  4. Mäßig spannender Film einer mäßig kitschigen Filmreihe


Photography Challenge - Lens Flare

Es ist eine Schande, dass ich in Brighton war, der Heimat von Blood Red Shoes und Josh, dem Mann, der die Kurse für die Fotografie-Challenge zur Verfügung stellt, an der ich seit einiger Zeit teilnehme, und dabei keine einzige Einheit der Challenge absolviert habe. Das anstehende Thema war Bokeh, und ich habe es einfach nicht geschafft, ein Motiv zu finden, das mir dafür zugesagt hätte. Das Thema finde ich aber an sich nicht besonders spannend. Das Bokeh ist die Form, die unscharfe Objekte annehmen; es hängt im Wesentlichen von der eingestellten Blende und vom verwendeten Objektiv ab. Vielleicht mache ich demnächst mal ein paar Vergleichsfotos, da ich gerade sowohl ein gewöhnliches Immerdrauf von Tamron als auch eine Profi-Linse von Canon hier habe.

Damit also direkt weiter zu Lens Flare. Früher hat man mir erzählt, man dürfe mit der Kamera nie in die Sonne zielen, das könnte die Augen und die Kamera beschädigen. Ist (zumindest heutzutage) natürlich Quatsch. Man sollte das sicherlich nicht minutenlang machen, ebenso wie man nicht mit bloßem Auge minutenlang in die Sonne schauen sollte, aber gegen die Sonne fotografieren geht natürlich. Der dabei entstehende Effekt ist oft lästig, manchmal aber auch sehr schick, und er ist auf jeden Fall super für sommerliche Fotos geeignet. Geblendet werden von der Sonne löst direkt Assoziationen mit Sommer und strahlendem Sonnenschein aus und erzeugt damit hoffentlich eine positive Grundstimmung.

Das Foto, das ich hierfür ausgewählt habe, ist gar nicht so stark vom eigentlichen Lens Flare geprägt, dafür aber zusätzlich von eindeutiger Überbelichtung. Es ist auf Island entstanden, während ich eine Straße als Anhalter entlang wanderte, und es gehört zu den wenigen Fotos, mit denen ich stimmungsmäßig sehr zufrieden bin.

Road in Iceland

Die beiden Island-Artikel sind auch endlich fertig und zur Veröffentlichung vorbereitet. Trotz der Masse hat es eine Menge Spaß gemacht, sich durch die Fotos zu wühlen, an Parametern zu drehen und HDRs zu basteln oder einfach zu staunen, welche großartigen Aufnahmen schon unbearbeitet aus der Kamera kommen. Daher wird sicher auch der nächste Challenge-Artikel auf Fotos von Island zurückgreifen - denn dann geht es um Landschaftsfotografie.



Müll

Deutschland muss ganz schön verwirrend sein, wenn man aus einem fernen oder auch gar nicht so fernen Land kommt. Schon wenn man vom Land in die Stadt zieht, kann das ein ziemlicher Schock sein; selbst Chemnitz mit seinen etwa 200.000 Einwohnern wirkt mit seinen Straßenschluchten und Plattenbauten einschüchternd auf manche Besucher. Auf meinen Reisen lerne ich viele Menschen kennen, einige davon kommen von anderen Kontinenten, um Europa zu erleben. Aber man muss gar nicht weit weg gehen, um Menschen zu treffen, die unser Land anders sehen.

In meiner Zeit in Dortmund habe ich in der Nordstadt gewohnt, also nördlich vom Bahnhof, einer Gegend, in der kaum jemand deutsche Wurzeln hat. In meinem Haus gab es immer wieder Probleme mit Mülltrennung. Es gab neun Wohnungen, acht bewohnt, eine leerstehend, letzter Mieter unbekannt verschwunden. Nur zwei Bewohner waren in Deutschland geboren, der Rest teilweise vor längerer Zeit, teilweise erst kürzlich zugezogen.

Mülltrennung also. In Dortmund gibt es zu jedem Haus eine Papiertonne, eine gelbe Tonne, in die nur Verpackungen mit grünem Punkt dürfen, eine Biotonne, in die rohe, aber keine gekochten Lebensmittel gehören, sowie Haare und Kehricht, aber keine Pflanzen, und eine Restmülltonne. Glas muss zu Sammelcontainern gebracht werden.

An besagten Sammelcontainern sammelt sich regelmäßig Sperrmüll, Restmüll, Verpackungen, Kartons, Kleidung, eigentlich alles, was man sich vorstellen kann, vielleicht mit Ausnahme von Elektrogeräten. Schon die Tatsache, dass Sammelcontainerplätze keine allgemeinen Müllsammelplätze sind, überfordert selbst einige unserer hier aufgewachsenen Mitbürger, von den oben genannten Feinheiten bei den Mülltonnen ganz zu schweigen. Man muss nicht von besonders weit gekommen sein, um eine Infrastruktur zu kennen, in der es nur "Müll" gibt. Kein Wunder also, dass in unseren vier Mülltonnen stets alles wild durcheinander war.

Woher aber soll man sowas als eingewanderter Deutscher auch wissen? Meine Mietunterlagen enthalten eine Broschüre zu korrektem Lüften zur Schimmelvermeidung, aber keine Informationen zu Mülltrennung. Jetzt in Chemnitz stehen in unserem Hof mehrere Mülltonnen und einige Container, ich habe eine Weile gebraucht, um mir zu merken, welche zu meinem Haus gehören (nicht, dass ich nachvollziehen könnte, warum das wichtig ist). Wenn dann etwas falsch sortiert ist, kommt vielleicht mal ein böser Brief vom Vermieter, der von der Entsorgungsfirma eins drauf gekriegt hat - nicht etwa eine aufklärende Information, dass man in Deutschland Müll sehr genau trennt, ganz zu schweigen von einer Erklärung warum wir das tun.

Deutschland ist in so vielen Punkten so anstrengend, kompliziert, spießig und schwer zu verstehen. Über viele weitere Dinge könnte man ganze Artikel verfassen: Warum regen sich die Menschen auf, wenn im Lidl mal wieder eine bulgarische Großfamilie mit Fünf-Cent-Stücken bezahlt? Warum ist der britische Tourist schockiert, dass eine Zugfahrt von Berlin nach München zum Normalpreis 130€ kostet? Wieso tut sich der Europareisende aus Qatar so schwer damit, ein EU-Rail-Ticket zu kaufen?

Letzterer hat mich besonders beeindruckt. In einem Land, in dem man sich im Sommer am meisten Sorgen darüber macht, ob das eigene Haus wohl hitzeabweisend genug ist, um nicht bei 50°C einfach zu sterben, ist es nicht möglich, verschiedene Transportsysteme mit einer irrsinnigen Anzahl verschiedener Fahrkarten zu verstehen - das gibt es dort einfach nicht. "We have the capital, Doha, that's it", war in etwa seine Aussage. Ich hoffe, er hat der französischen Eisenbahngesellschaft erklären können, was er vor hat, und viele europäische Städte gesehen. Und ich hoffe, dass wir den Menschen, die sich das harte Ziel gesetzt haben, ein deutsches Leben zu führen, mehr Respekt und Verständnis entgegen bringen können.



Wilde Verwindungen

Lose Sammlung von wirren Gedankengängen, irren Fünden und wilden Tatsachen. Dies ist der 1000. Post auf Konzertheld.de. hahahah

In Becker Staffel 2, Folge 18 taucht eine Person namens April auf, die wie Kandi aus Two and a Half Men aussieht, deren Schauspielerin April heißt. In Hard Candy hingegen spielt Ellen Page mit, von der ich dadurch (danke an Sumi für den Filmtipp) endlich weiß, dass ich sie aus Inception kenne. Dafür habe ich nun vergessen, wo ich sie gesehen und erkannt habe...

Fünf Sterne Deluxe waren dieses Jahr beim Highfield, die sind mir aus meiner Kindheit in den 90ern noch ein Begriff. Bekannter ist aber eigentlich eines ihrer Mitglieder Das Bo für den Song Türlich, türlich. Und noch einer von denen hat Karriere gemacht: Tobi Tobsen mit Moonbotica. Die kennt man mittlerweile auch über Deutschland hinaus als erfolgreiche DJs. Tobi war früher auch mal bei Fettes Brot - da schließt sich dann auch der Kreis zum Hip-Hop wieder.

J. habe ich auf einer Party kennen gelernt, auf der sie nur mehr oder weniger zufällig war. Während sie mich als Fotografen erkannte, wunderte ich mich darüber, dass wir uns sonst nie begegnet sind, denn ihr Büro liegt im Gebäude neben meinem und ihre Berufsschule quasi neben meiner Wohnung. Noch verrückter ist aber, dass wir nach der Party beide in (weit vorher gebuchten) Urlaub fuhren - und zwar beide nach Paris.