Doppel-Doppelkonzert mit Claire & Venom Is Bliss

Nachdem das Claire-Konzert in Berlin letztes Jahr einfach nur großartig war, bedarf es keiner längeren Überlegung, um Karten für das Konzert in Leipzig zu kaufen. Die "The Great Escape-Tour Teil II" führt die junge Münchner Band in zahlreiche weitere Städte und sympathische kleine Clubs. Die Moritzbastei in Leipzig zum Beispiel liegt mitten auf - oder genauer gesagt unter - dem Campusgelände. Außer Konzerten gibt es dort auch Poetry Slam, Studentenpartys, Public Viewing und einiges mehr - zu Preisen, die Studenten guten Gewissens bezahlen können. Auch alkoholfreie Getränke unter 2€ sind gerne gesehen. Und auch wenn das Gemäuer nicht für jede Musikart die beste Akustik bietet, ist die alte Bastei einfach schick anzusehen, zumal die notwendige Technik mit Bedacht eingearbeitet wurde, um das Ambiente nicht zu zerstören.

Die Veranstaltungstonne, in der die Show statt fand, ist bis kurz vor Beginn fast leer, füllt sich dann aber zügig, als Venom Is Bliss auftreten und die Zuschauer von der Bar herüber kommen. Die sechs Kölner spielen erst seit sechs Monaten live und sind mit Claire nun erstmals auf Tour. Wenn sie ihren Stil als Electropop bezeichnen, vernachlässigt das in der landläufigen Vorstellung einige Elemente - der druckvolle Bass zum Beispiel ist deutlich imposanter als es die Generation "iih, Pop!" erwarten würde. Teilweise lassen sich die Songs eher in der klassischen Elektro-Szene verorten - was Venom Is Bliss auch mit Claire verbindet, die sich ebenfalls bei Tekkno und House bedienen.

Das zeigt sich bereits im neuen Intro, das gefühlt die Wände wackeln lässt und für großes Gejohle sorgt, als zu den Synthi-Teppichen die Bassdrum reinhaut und das Publikum passend dazu mit weißem Effektlicht geblendet wird. Überhaupt wird die Band diesmal gerne kontrastreich inszeniert - komplett schwarz gekleidet mit wohldosiertem Stroboskoplicht und weißen Lichtstrahlen erzeugt die großartige Technik einen düsteren Gegenpol zur doch eigentlich sehr positiven, aber eben auch sehr druckvollen und rhythmusbetonten Musik. Vergleiche mit Bands wie I Blame Coco oder gar Depeche Mode sind nicht an den Haaren herbei gezogen, verfehlen aber das Gesamtbild des Neon Pop.

Claire geizen auf der Bühne weder mit Songs noch mit Spaß. Bereits bei Pioneers kommt Bewegung in das in Leipzig extrem junge Publikum, das bei Venom Is Bliss noch eher schüchtern war. Einige Songs später sind Band und Zuschauer gleichberechtigte Teilnehmer des Konzertes - einen Bühnengraben gibt es eh schon nicht und vermutlich hätte man auf die Bühne auch verzichten können, so nah sind wir auch gefühlt an der Band dran. Die fünf sind selbst restlos begeistert und so feiern wir die Next Ones To Come alle zusammen.

Vom Album The Great Escape bekannte Songs werden mit anderen Effekten, neuen Synthi-Teppichen und heftigerem Sound neu erschaffen. Vor dem "offiziellen Ende" des Konzertes wird mit einer ausschweifenden Version von Resurrection noch einmal bis zum Bersten Spannung aufgebaut, die dann im vom Stimmverzerrer geprägten und live besonders beatbetonten Overdrive in den Zugaben gipfeln darf. Dazwischen eingestreut gibt es bereits die ersten neuen Songs - und erfreulicherweise entwickelt sich die Band sowohl in Richtung tanzbarem Pop als auch in Richtung melodischem Tekkno.

Wer dann nach dem Konzert noch nicht genug hat, bekommt die Chance, beide Bands persönlich zu treffen, da sowohl Venom Is Bliss als auch Claire ihre Merchandise-Stände selber betreuen (und nach der fetten Party noch erstaunlich fit sind). Ich ergattere eine der limitierten handmade-EPs von Venom Is Bliss, aber es kommt noch viel besser: Das nächste Konzert findet am nächsten Tag in Gießen statt, zwar 400km entfernt, aber ganz in der Nähe von I., die ich sowieso schon viel zu lange nicht gesehen habe. Mehr aus Jux frage ich nach einem Gästelistenplatz für den Zuschauer mit der längsten Anreise - und Kazimir holt ohne zu zögern sein Handy raus und schreibt mich mit auf die Liste! Vielen vielen Dank nochmal dafür an dieser Stelle! hahahah

Als Flo und Josie von Claire mich dann beim Rausgehen auch noch wieder erkennen, weil ich schon in Berlin in der ersten Reihe dabei war, ist klar: So verrückt das auch ist, ich muss in den nächsten Stunden irgendwie nach Hessen. Die Nacht bestand dann also aus Fernbus-Websites wälzen, Mitfahrgelegenheiten durchwühlen und Kontostand kritisch betrachten, I. anschreiben und The Great Escape in Dauerschleife hören. Morgens um 3 ist alles klar, schnell drei Stunden schlafen, ein paar Sachen in den Rucksack werfen und auf zum Bahnhof. Mit dem Zug wieder nach Leipzig, mit dem Bus weiter nach Frankfurt und von da per Mitfahrgelegenheit nach Wetzlar, von wo mich I. später zum MUK fährt (vielen lieben Dank auch dafür!).

Das Konzert im MUK ist nicht ausverkauft, trotzdem geht hier schon zu Beginn gut was ab. Der Sound ist wesentlich geiler als am Dienstag - wo kommt bloß der irrsinnige Bass her?! - und vermutlich trägt das auch dazu bei, dass Venom Is Bliss heute anständig gefeiert werden. Langsam aufbauende Songs wie Patience oder dem Titel widersprechende wie Silence heizen uns ein und auch die Band ist mit Hingabe dabei. Wirklich eine gute Wahl als Vorband und ich hoffe, die Jungs demnächst auch mal woanders live zu sehen. hahahah

Bei Aktionen wie dieser werde ich manchmal angesprochen, ob es nicht langweilig sei, das selbe Konzert immer wieder zu sehen. Das mag manchmal stimmen, selbst - oder gerade - von großen, bekannten Bands wird mir gelegentlich berichtet, dass auch Jahre später der Ablauf und der Sound noch exakt der selbe seien. Aber in der Regel ist doch jede Show eine einmalige Erfahrung - das Set ist vielleicht ein bisschen verändert, die Location ist eine andere, das Publikum kann ganz anders drauf sein. In Gießen ist der Sound ganz anders und auch die Zuschauer gehen viel mehr nach vorne.

Außerdem ist es auch schön, zu wissen, was kommt - so kann man sich vorher schon drauf freuen, denn man geht ja nicht mehrfach zu einer Tour, wenn einem die Konzerte nicht wirklich viel Spaß machen. Das großartige Intro, gefolgt von einem meiner Lieblingssongs, Pioneers, könnte ich mir zum Beispiel jeden Tag geben. Und auch die neuen Songs machen Spaß - mit jedem Refrain kann man wieder eine Zeile mehr mitsingen. Last.fm zählt 348 Wiedergaben von Claire-Songs, aber die Zahl ist locker untertrieben. Soll heißen: Wäre es nicht mit so hohem finanziellen und Zeitaufwand verbunden, wäre ich gerne noch länger "mitgetourt". hahahah

Und auch abgesehen von der großartigen Musik haben Claire und auch Venom Is Bliss ganz erheblich Sympathiepunkte gesammelt. Nicht nur wegen dem Gästelistenplatz und dem geschenkten T-Shirt hahahah , sondern auch, weil es ganz klar für die Band spricht, wenn sie Fans erkennt und sich nach dem Konzert noch so viel Zeit für das Publikum nimmt. Es mag teilweise daran liegen, dass das MUK keine 50.000 Zuschauer fasst (vermutlich nichtmal 500) oder daran, dass die Bandmitglieder ungefähr so alt sind wie ihre Fans, aber ich behaupte, es liegt auch einfach daran, dass es großartige Menschen sind, die nicht in ihrer eigenen Welt verschwinden, wenn sie von der Bühne gehen - oder anders ausgedrückt: die ihre Fans an ihrer Welt teilhaben lassen. Und genau dadurch wurden diese beiden Abende zu einem noch viel besseren Erlebnis als zwei einzelne Konzerte es sein könnten. Danke dafür!

Die Fotos wurden mir freundlicherweise von der großartigen Fotografin Franziska Lange zur Verfügung gestellt, die für das Leipziger Stadtmagazin Urbanite fotografiert. Dort gibt es auch eine Galerie mit noch mehr Fotos.



Trekkingrucksack-Trockentest: Deuter vs Quechua

Im Herbst steht endlich meine gut dreiwöchige Interrail-Tour an und nachdem mir zahlreiche Interrailer versichert haben, dass mit der Routenplanung sei nicht so wichtig, und ich auch Vertrauen in allerlei Übernachtungsgelegenheiten gewonnen habe, blieb als schwierigste Frage: Wie zum Teufel transportiere ich das ganze Gepäck?! Die einzige zulässige Antwort ist hier wohl: Ich werde einen dieser riesigen Trekking-Rucksäcke brauchen.

Nach "Kauf Deuter, danach kaufst du nie wieder einen anderen" war der häufigste Ratschlag "probier ihn auf jeden Fall gründlich aus vor der Reise". Mein Deuter-Wunschmodell (ACT Lite 65+10) gibt es nur in den USA, abgesehen vom geringeren Gewicht und möglicherweise geringerer Haltbarkeit unterscheidet es sich aber kaum von dem in Deutschland verbreiteten Modell Aircontact 65+10. Daher bestellte ich letzteres für atemberaubende 210€. Außerdem stattete ich Decathlon einen Besuch ab, die in Chemnitz ihre einzige Filiale Sachsens haben und Partner von Quechua sind, mit denen ich bei Zelten bereits gute Erfahrungen sammeln konnte. Die Mitarbeiter dort konnten ähnlich wenig Auskunft geben wie die Website, aber man kann sich ja selbst helfen. Bei Quechua konkurrierten nach der Vorauswahl noch der Forclaz Easyfit 72 (100€) und der Forclaz Symbium Access 70+10 (130€). Der Easyfit ist der einzige, der deutlich unter dem für Rucksäcke dieser Größe üblichen Leergewicht von knapp 3kg liegt.

Allen Rucksäcken gemeinsam ist, dass sie leer gar nicht so groß aussehen, dafür aber umso mehr mit zahlreichen Schnallen und Gurten verwirren. Letzteres gibt sich aber beim Ausprobieren sehr schnell.

Im Bild (großklickbar) von links nach rechts: Deuter Aircontact 65+10 mit angeschnallter Isomatte, mein Tagesrucksack Compu Daypack von LowePro und der Quechua Forclaz Symbium Access 70+10.

Der Deuter Aircontact kam als erster. Es handelt sich zwar nicht um Deuters Flaggschiff, aber durchaus um ein Modell einer sehr hochwertigen Reihe - falls man da bei Deuter überhaupt differenzieren kann. Von der Ausstattung schien er zunächst dem Quechua Symbium Access sehr ähnlich zu sein, wodurch natürlich direkt die Frage aufkam, was denn die 80€ Mehrpreis rechtfertigt, zumal Quechua auch noch 10 Jahre Garantie gibt. Den Easyfit testete ich zunächst nicht, da schon der Stoff spürbar dünner war als beim Deuter und das Ergebnis des Symbium auch Rückschlüsse auf den Easyfit zulassen sollte, da beide letztlich der Forclaz-Reihe entstammen (aber wer sagt schon Quechua Forclaz Symbium Access 70+10 zu seinem Rucksack?).

Da es enorm wichtig ist, seinen Rucksack richtig einzustellen, beschäftigte ich mich erstmal stundenlang zuhause mit den beiden Modellen. Das beginnt mit der Anpassung an die Körpergröße. Deuters VariFlex-System ist etwas fummelig einzustellen und bringt keine Angaben mit, welche Einstellung für welche Körpergröße gedacht ist, aber wenn man es raus hat, sitzt es stabil, sicher und bequem (es dauert auch nicht wirklich Stunden). Quechua hat sich an einem anderen Ansatz versucht: Die Höhenverstellung der Schultergurte ist mit Körpergrößen gekennzeichnet, der Brustgurt lässt sich intuitiv verstellen. Leider sind die Beschriftungen in meinem Fall Unfug; ich bin 1,91m groß, aber der Hüftgurt sitzt nur dann gut, wenn ich die Schultergurte auf 1,60m einstelle. Der Brustgurt schnürt mir immer den Hals ab, egal was ich wie einstelle.

Der Hüftgurt erfüllt bei beiden seinen Zweck - wenn man sich traut ihn kräftig zu zu ziehen, entlastet er die Schultern enorm. Der Brustgurt soll vor allem die Schultergurte auf Position halten, damit einem nicht plötzlich 25kg herunter rutschen. Das fällt beim Symbium aus oben beschriebenen Gründen weg und damit rutschen die Schultergurte auch direkt. Bei Deuter kann man dann noch den Abstand vom Rücken einstellen (mehr Kontrolle oder mehr Schulterentlastung), das ist ziemlich cool, aber eigentlich ist jede Einstellung angenehm. Beim Quechua-Rucksack fehlt dieses Feature und der ganze Sack wabbelt an meinem Hintern herum.

Beim Beladen bekam ich auch einen guten Eindruck der Verarbeitung; diesbezüglich unterscheiden sich die Rucksäcke kaum. Bei beiden wirken die verwendeten Stoffe sehr hochwertig. Quechua verwendet einen anderen Schnallentyp, der zwar auf den ersten Blick weniger stabil wirkt, aber ebenfalls sehr fest schließt. Allerdings wurde an der Polsterung gespart; der Hüftgurt ist dadurch eher ein Gürtel, die Polsterung reicht nur für die Seiten, vorne ist nichts mehr übrig (und ich bin wirklich schlank). Auch die Schultergurte sind deutlich schmaler. Außerdem halten die Kompressionsriemen beim Verstellen nicht so gut. Während sich beim Aircontact alle Gurte und Riemen intuitiv mit wenig Aufwand spannen und lockern lassen, ohne zu leicht zu verrutschen, flutscht einem beim Symbium schonmal ein Riemen komplett aus der Halterung, wenn man ihn nur lockern wollte. Das passiert leider öfter und ist nach dem unglücklichen Sitz des Brustgurtes der zweite wirklich negative Punkt. Insgesamt erweisen sich die Kompressionsriemen als praktisch, um ein Herumfliegen des Inhalts im Rucksack zu vermeiden; Deuter hat davon ein paar mehr vernäht.

Mit 65+10 bzw. 70+10 Litern unterscheiden sich die beiden Rucksäcke nicht wesentlich im Volumen, trotzdem habe ich ausprobiert, wie gut sich die beiden beladen lassen. Der Deuter glänzt dabei vor allem durch nützliche Nebenfächer, während Quechua viel Wert auf einfache Beladung des Hauptfaches gelegt hat. Dieses lässt sich bei beiden nicht nur mit dem typischen Sackverschluss von oben, sondern auch von vorne öffnen; bei Quechua jedoch komplett und von der Mitte her wie bei einer Reisetasche (Bild links), bei Deuter kann man nur ein Stück der Front weg klappen (Bild unten). Dadurch kann man den Symbium gut in mehreren Schichten packen - schwere Dinge rückennah (beim Packen unten), leichte weiter weg. Anschließend schließt man die Front, richtet den Rucksack auf und kann von oben nochmal kräftig zusammendrücken. Dadurch habe ich unfassbare Mengen in den Rucksack bekommen - hier ist der Symbium klar überlegen. Bei Deuters Modell funktioniert dieses Verfahren zwar auch, aber eben nicht so schön und effektiv.

Der Aircontact ist eher der Typ "und hier passt auch noch was rein". So lassen sich in den Außennetzen problemlos zwei 1,5l-Wasserflaschen verstauen, während die Außenfächer beim Symbium unbrauchbar werden, wenn das Innenfach bereits gefüllt ist. Das ist zwar auch bei Deuter der Fall, aber nicht bei allen Fächern. Im Deckel lässt sich auch noch ein bisschen Gepäck unterbringen. Vor allem aber bietet der Aircontact mehr Möglichkeiten, sperriges Gepäck außen anzubringen: Meine wuchtige selbstaufblasende Isomatte lässt sich ganz problemlos an den Boden schnallen. Quechua hat dafür leider nichts passendes mitgebracht - es gibt zwar zwei Ösenpaare am Boden, für die ich aber keine passenden Spanner besitze, und einen Gummihalter auf dem Deckel, aus dem die Isomatte aber bei erster Gelegenheit wieder rausfällt. Mehr als eine einfache Isomatte ohne Luftfüllung ist hier eindeutig nicht vorgesehen und erst recht kein weiteres Gepäck wie z.B. ein Fotostativ. Dagegen bietet der Aircontact außer den Kompressionsriemen für die Isomatte auch noch Ösen auf dem Deckel wie beim Symbium unten und zahlreiche weitere Halterungen, um einzelne Teile mit Karabinerhaken oder Schnüren zu befestigen.

Das Bodenfach lässt sich bei beiden Rucksäcken als separates Fach verwenden oder öffnen, um das Hauptfach zu erweitern. Geöffnet finden im Rucksack insgesamt mehr Gegenstände Platz, geschlossen bleibt die Ordnung mit etwas Glück erhalten, wenn man unterwegs mal was rausholen muss. Manch einer wird das Bodenfach mit einer Kameratasche oder Kamerapolstern füllen wollen, um eine professionelle Fotoausrüstung mitzunehmen - das ist bei beiden Rucksäcken die einzige Option, wenn man keine separate Tasche mitnehmen möchte. Dazu später mehr. Es sei noch erwähnt, dass der Symbium auf beiden Seiten eine Hüfttasche hat, beim Aircontact ist es nur eine. Konstruktionsbedingt liegen die Taschen beim Symbium weiter hinten, ansonsten unterscheiden sie sich nicht. Eine Kompaktkamera oder ein Portemonnaie finden darin locker Platz. Das Portemonnaie kann man alternativ auch innen im Deckel verstauen, beide Rucksäcke bieten ein sogenanntes Wertsachenfach, das nur bei geöffnetem Deckel zugänglich ist.

Ein Alleinstellungsmerkmal des Quechua-Rucksacks ist das Access-Fach, das auf dem Deckel aufliegt und über zwei dehnbare Gurte über den Kopf vor die Brust gezogen werden kann. Selbst im Video auf der offiziellen Seite sieht das etwas fummelig aus und in der Tat ist das Fach nicht halb so praktisch wie es in der Idee klingt: Durch die rückenferne Position des Rucksacks kommt man kaum dran, dann muss man fummelig die Verschlüsse lösen (da man sie danach nicht wieder zu bekommt, lässt man das mit dem Anstecken am Besten gleich ganz). Hat man das Fach dann lose in der Hand, kriegt man als langhaariger Mensch eine Krise, weil es gefühlt hundert Mal in den Haaren hängen bleibt beim Versuch es nach vorne zu ziehen. Vorne funktioniert dann das Einhaken im Hüftgurt nur einseitig, da die Halterungen zu weit auseinander bzw. an der Tasche zu nah beieinander sind. Nichtsdestotrotz hat man am Ende aber ein geräumiges Fach vor der Brust, in das sogar meine Spiegelreflex passen würde - wenn ich sie dem dünnen, lose auf dem Rucksack liegenden Stoff anvertrauen würde.

Voll beladen kam dann als erstes die Erkenntnis: Ein Kilo mehr Eigengewicht des Rucksacks macht den Braten auch nicht fett, wenn man weitere 25kg reinstopft. Hier sollte man wirklich lieber in hochwertige Verarbeitung investieren. Eigentlich wollte ich den Quechua Symbium dann zuerst "probelaufen", um hinterher neutraler feststellen zu können, ob der Deuter-Rucksack wirklich angenehmer zu tragen ist. Da es mir jedoch gar nicht erst möglich war, eine passende Einstellung zu finden und all mein Gepäck zu verstauen, hatte das Quechua-Modell an dieser Stelle leider bereits verloren. Blieb also die Frage, ob der Konkurrent besser ist.

Meine Teststrecke führte von meiner Wohnung zur Uni, ich musste ohnehin noch ein paar Papiere ausdrucken, und wieder zurück. Also insgesamt knapp 5km, den Lutherberg runter, die Reichenhainer Straße wieder rauf und das Ganze rückwärts. Der gelegentliche Wechsel zwischen rückennaher und rückenferner Position erwies sich dabei als angenehm; weniger wegen der Belüftung oder weil der Rucksack ins Schleudern geriet, sondern einfach um die Belastung durch das Gewicht ein bisschen zu verteilen. Das Gewicht macht sich hierbei vor allem dadurch bemerkbar, dass man nicht so schnell laufen kann wie sonst - unangenehm oder sonderlich anstrengend ist es nicht. Damit hat der Deuter Aircontact seinen Hauptzweck erfüllt - großes Gewicht durch viel Gepäck so auf dem Körper zu verteilen, dass man damit angenehm laufen kann.

Geschwitzt habe ich trotzdem recht deutlich; bei der aufkommenden Sommerwärme war das zu erwarten. Im Vergleich zu meinem Tagesrucksack allerdings bereits deutlich weniger und auch nur an den Stellen, an denen der Rucksack tatsächlich direkten Kontakt zum Körper hat. Während des Laufens ist das auch gar nicht negativ aufgefallen. Dafür zeigte sich, wieso der korrekte Sitz so wichtig ist - verrutscht der Hüftgurt mal, weil man sich z.B. den Schuh zubinden musste, spürt man direkt, wieviel Gepäck man da eigentlich gerade mit sich herum schleppt.

Während der Quechua Symbium Access also noch während der Testphase wieder zurück ging, habe ich den Deuter Aircontact behalten und bin nun ziemlich glücklich damit. Er bietet zwar, wie fast alle Trekkingrucksäcke, auch keine Möglichkeit, meine Spiegelreflexkamera zu verstauen, aber genug Ansatzpunkte für eigene kreative Lösungen. Man kann beispielsweise mit ein paar Schnüren und Knoten eine Tasche an den Hüftgurt hängen - dem Thema widme ich noch einen eigenen Artikel, um den Rahmen hier nicht komplett zu sprengen. Und abgesehen davon bekommt man einen wirklich durchdachten Rucksack, der sich auch mit viel Gepäck angenehm trägt. Möglicherweise ist Deuter einer der letzten Hersteller, die zwar viel Geld verlangen, dafür aber Produkte für ein ganzes Leben bieten - ich würde es mir wünschen.



462 Tage

Das Projekt 55 in 777, angelehnt an das Day Zero Project, soll über einen großen Zeitraum kleine und große Erfolge sichtbar machen. Dafür habe ich eine Liste mit 55 großen und kleinen messbaren Dingen erstellt und verfolge diese nun 777 Tage lang. So sah diese Liste am Anfang aus. Der Übersichtlichkeit halber habe ich Kommentare zu bereits im letzten Check abgeschlossenen Punkten entfernt.

Gesamtstand: 12/48
Letzter Tag: 20. Februar 2015

Sport / Ernährung

  1. 100 Liegestützen schaffen (?/100)
  2. 200 Sit-Ups schaffen (37/200)
  3. :check: 500 Kilometer mit dem Fahrrad zurück legen
  4. 2 Wochen vegan leben (0/2)
  5. 10 Gerichte aus 10 verschiedenen Ländern kochen (2/10)
    Pizza nach italienischer Art (die tatsächlich anders ist als die deutsche); Tofu nach vietnamesischem Rezept. Gar nicht so einfach, typische Nationalgerichte enthalten meistens Fleisch!
  6. Zu Weihnachten mindestens 10x backen (5/10)
    Na, das kann man gelten lassen, wenn man es auf beide Jahre rechnet.
  7. Marmelade selber machen
  8. :check: Pudding selber machen

Digital

  1. Alle 77 Tage ein Update dieser Liste posten (5.5/10)
    Mist, das hab ich diesmal aufgrund der vielen Reisen nicht ganz eingehalten.
  2. 100 Artikel schreiben, die nicht Teil einer Serie sind (89/100)
  3. Mein gesammeltes Videomaterial von TEN SING zusammenschneiden (0/3)
  4. :check: 15 Beiträge zu Habari leisten (veröffentlichte Plugins oder Themes oder Core-Bugfixes)
  5. Eine Woche offline gehen (0/7)
  6. 1000 Posts erreichen (972/1000)

Foto / Musik

  1. Portfolio mit min. 20 Fotos pro Kategorie füllen (24/60)
  2. 100 Songs am Schlagzeug vollständig spielen können (31/100)
  3. 50 Songs am Bass spielen können (10/50)
  4. 10 Songs an der Gitarre spielen können (0/10)
  5. Weiterhin min. 1x im Jahr auf ein Konzert im Ausland gehen (1/2)
    2013 war ich bei Yeah Yeah Yeahs in Amsterdam. hahahah
  6. Einen Film selber entwickeln
  7. Einen "Lost Place" besuchen
  8. Beide CD-Regale füllen (130/174)

Reisen

  1. :check: Beim Kirchentag in Hamburg dabei sein
  2. Beim Rothaarigentag in Breda dabei sein
  3. :check: Beim YMCA-Festival in Prag als Volunteer dabei sein
  4. Eine Interrail-Reise machen
  5. :check: In einem Nachtzug schlafen
  6. Eine Reise nur mit Couchsurfing bestreiten
  7. Eine Reise mit mindestens einer Übernachtung nur mit dem Fahrrad bestreiten
  8. :check: Eine Deutschland-Rundreise machen
    Ich hake das jetzt mal ab - in der letzten Woche war ich in Frankfurt, Hamburg und Berlin, das ist zwar nicht einmal im Kreis durch Deutschland, aber ohne Anlass würde mir eine so ausschweifende Tour vermutlich auch gar keinen Spaß machen.
  9. Nochmal nach Brighton reisen
  10. Beim Kirchentag in Stuttgart dabei sein

Freizeit allgemein

  1. :check: Erdbeeren pflücken gehen - war ich nicht mehr seit ich Kind war!
  2. :check: Geocachen gehen
  3. Die Herr der Ringe-Trilogie lesen (0/3)
  4. 5 Bildungslücken bei Filmen schließen (3/5)
    Gesehen: Die fabelhafte Welt der Amélie, Pulp Fiction, Täglich grüßt das Murmeltier
  5. 5 Träume aufschreiben (3/5)
  6. :check: An einer Demo teilnehmen
    Beim Chemnitzer Friedenstag habe ich gegen den Nazi-Aufmarsch demonstriert und an einer Sitzblockade teilgenommen.

Bildung

  1. Jede Woche einen zufälligen Wikipedia-Artikel lesen (0/111)
  2. Jeden Monat einen zufälligen englischen Wikipedia-Artikel lesen (0/26)
  3. Grundkenntnisse in einer vierten Sprache erwerben (0/3 - A1, A2, B1)
  4. Begrüßung und Verabschiedung in 10 Fremdsprachen lernen (4/10)

Organisation

  1. Regelmäßig (wöchentlich) den Finanzplaner in Ordnung bringen (66/111)
  2. Weihnachtsgeschenke spätestens Nikolaus zusammen haben (0/2)
    2013 war ich erst an Heiligabend fertig. War entsprechend stressig, aber stellenweise auch sehr lustig. Trotzdem: Mission verfehlt!
  3. Jahresrückblick spätestens am 28.12. fertig haben (1/2)
  4. :check: Keller aufräumen

Menschen

  1. :check: Nachbarn ansprechen
  2. Alle TEN SING-Gruppen im Westbund besuchen (12/34)

Aber nicht alle Dinge sind messbar. In den vergangenen 77 Tagen...

  • ...habe ich meine erste Klausurphase mit 6 Klausuren überstanden,
  • ...war ich im Bibliotheksmagazin der Universität Leipzig und habe mich zwischen per riesigem Drehrad verschiebbaren Bücherregalen und Belüftungsanlagen ein bisschen wie im Vatikan gefühlt,
  • ...fing ich an Gitarre zu spielen,
  • ...reiste ich in sechs Tagen über 2500km durch Deutschland, um...
  • an 4+4 Konzerten (inkl. Vorbands) teilzunehmen und
  • von Claire, einer meiner Lieblingsbands, persönlich begrüßt und gefeiert zu werden, weil ich ihr hunderte Kilometer hinterher gefahren bin. hahahah


Der rote Punkt

Der grüne Punkt geht auf die Wiese, der blaue Punkt geht ins Wasser, der gelbe Punkt geht in die Sonne, wohin geht der rote Punkt? Im Falle des Red Dot Design Awards kann die Antwort alles mögliche sein.

Die Fahrradpumpe TOPEAK Micro Rocket Carbon wurde zum Beispiel mit dem Red Dot Award ausgezeichnet. Die Variobahn, die in Gelsenkirchen als Straßenbahn fährt, hat einen bekommen. Mein Siemens-Telefon wurde damit ausgezeichnet und letztens sah ich im Baumarkt Werkzeug mit dem einprägsamen Logo des Designpreises. Auch international wird ausgezeichnet, Fiskars Schneespielzeug aus Finnland hat auch bereits abgestaubt, ebenso der Schlafphasenwecker aXbo.

Da stellt sich mir doch die Frage: Was wird da überhaupt ausgezeichnet? Und wofür? Und wo kommen die Vorschläge her? Und wer bezahlt das alles - immerhin scheint es eine fette Gala zu geben und Kataloge und Ausstellungen zu den Gewinnern? Und welche Aussage hat es, wenn man sein Produkt jahrelang damit bewirbt, diesen Award gewonnen zu haben, wenn Haushaltsgegenstände gleichermaßen gewinnen können wie Spielzeug und Verkehrsmittel?

Inzwischen muss ich jedenfalls immer lachen, wenn ich den roten Punkt irgendwo sehe. Doppelt. Weil ich weiß, wohin der rote Punkt geht. Und weil ich weiß, wer den roten Punkt bekommt.



Watch your back, the Stapler is coming

Die englische Bezeichnung für Gabelstapler ist fork lift, aber der Mittdreißiger-Australier ohne Führerschein, der eigentlich auch ziemlich gut deutsch spricht, sagt immer nur Stapler. Er ist einer der Kollegen, die ich zu schätzen gelernt habe in dem halben Jahr, das ich als Stagehand, also ungelernter Helfer bei Bühnenarbeiten, gearbeitet habe. Zu diesen Kollegen gehört auch der Choleriker, der eigentlich echt umgänglich ist, außer wenn sich Kollegen dumm anstellen oder faul sind oder unsere Vorarbeiter mal wieder Arschlöcher sind.

Die Vorarbeiter der britischen Firma waren immer sehr nett. Kein Angeschnauztwerden wenn man nix zu tun hatte und daher dumm rumstand, ein Danke für jede Kleinigkeit genauso wie für die Gesamtarbeit des Tages. Cirque du Soleil war so eine angenehme Nummer - 44 Trucks, aber über 100 Helfer, sodass man es sich locker erlauben konnte, nach dem Aufbauen des Physio-Raums für die Artisten noch eine Massage zu genießen. Ähnlich entspannt stelle ich es mir vor, für Bands wie AC/DC zu arbeiten - die noch einen Truck mehr dabei haben auf ihrer Tour, den sie aber nie aufmachen, weil nur Ersatzteile drin sind.

Überhaupt sind so große Produktionen vor allem deshalb so spannend, weil man schon beim Ausladen staunen kann, wenn einer dieser großen LKW einfach mal nur Kisten mit Schuhen enthält und ein anderer nur Kisten mit eingebauter Garderobe mit Kostümen. Von so Dingen wie Särgen ganz zu schweigen - die Michael Jackson Immortal-Tour war wirklich sehenswert.

Während das Ausladen sehr davon abhängt, ob die Location genug Laderampen bietet oder ob wir ständig auf den Wechsel der Trucks warten müssen, läuft beim Aufbau in der Halle meistens alles streng durchorganisiert. So wird üblicherweise auf einer Seite der Halle eine rollbare Bühne aufgebaut, während auf der anderen Seite Traversen mit Ton- und Lichttechnik beladen werden. Motoren fahren die Traversen dann nach oben und die Bühne wird darunter geschoben. Dafür kann man bei so lächerlich überzogenen dreistöckigen Bühnenaufbauten wie bei Chris Brown schonmal 80 Leute brauchen.

Wenn man dann nicht mit entspannten Briten, sondern mit zugekoksten Belgiern zusammenarbeitet, kann das auch lebensgefährlich werden. Dabei ist es mal passiert, dass ein Wagen mit Stahlteilen oben auf der Rollbühne nicht gesichert wurde und filmmäßig ganz langsam, mit knarzenden Geräuschen und unter vielen erschrockenen Blicken, von der Bühne kippte und den darunter stehenden Kollegen veranlasste, schnell zur Seite zu springen, um nicht erschlagen zu werden. Sekunden später waren die massiven Stahlteile nur noch Schrott und die Scheiben nur noch Splitter.

Die großen Unterschiede zwischen den Aufträgen und die Abhängigkeit von der Firma, der man zuarbeitet, waren dann auch die Gründe für meine Kündigung. Ein weiteres Negativbeispiel war die Produktion, bei der die Trucks lausiger beladen waren als mein Umzugswagen - billige Pappkisten, Instrumente in Folie eingewickelt, alles lose in den Laderaum geworfen (oder während der Fahrt kräftig durchgerüttelt worden). Der Aufbau unheimlich schlecht organisiert, ewig lange Schichten, stundenlange Verspätungen der Vorarbeiter... da hat man schon am ersten Tag keine Lust mehr.

Für positive Erinnerungen sorgen hingegen die Überbleibsel, die sich noch in meinem Besitz befinden. Der geschnorrte Drumstick von Silbermond zum Beispiel. Während des Aufbaus wurden wir mit belegten Brötchen, Obst und Getränken versorgt und abends durften wir uns vor dem Abbau das Konzert ansehen. Als der Vorhang während dem ersten Song fiel, wussten wir, dass sich das Gefummel am Mittag gelohnt hatte.

Oder die vielen T-Shirts. Deichkind zum Beispiel sind absolut nicht mein Ding als Gast, aber der Job war extrem entspannt und ich hatte Gelegenheit, mit deren Kart über die Bühne und die Laderampe des LKW rauf zu fahren. Bei Lionel Richie standen wir während der Zugaben neben der Bühne und beobachteten, wie er Gangnam Style zu Richie Style umbastelte und jede Menge Mitt- und Endvierziger von ihren Stühlen aufsprangen und mithopsten. Und auch die AIDA Night of the Proms war nicht der schlechteste Job - viel harte Arbeit, aber entsprechend viel Geld am Ende des Tages. Erfahrungen, auf die ich nicht verzichten möchte - Wiederholungsbedarf besteht aber auch nicht unbedingt.



Gefundene Antworten

Zwei junge Männer, die kurz vor oder nach ihrem Uni-Abschluss stehen, unterhalten sich über ihren Job und ihre Zukunft. Sie haben eine Marktlücke am App-Markt gefunden und entwickeln nun speziell auf Rentner zugeschnittene Apps. Einer von ihnen wandert mit seiner Familie in die USA aus, wo der Kindergarten im Jahr 10.000 Dollar kostet.

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G. war auch in dem aufgrund eines Defektes im Bahnhof unplanmäßig geendeten Zug. Wir stehen etwas ratlos in Witten herum und entscheiden uns dann, mit einem Bus zumindest soweit nach Dortmund zu fahren, wie wir es schaffen. Dort werden wir uns zwei Leihräder nehmen und den Rest der Strecke bis zum Stadtzentrum damit zurücklegen. Unterwegs erzählt er mir, dass er gelegentlich im Kriegsgebiet in Israel ist, weil er dort an archäologischen Ausgrabungsstätten arbeitet - als eine Art MacGyver, wie er sagt. Er entwickelt Drohnen und testet sie vor Ort. Manchmal komme ein paar Kilometer weiter eine EMP-Bombe runter, aber meistens sei es ziemlich ruhig, sagt er.



Offene Fragen

Eine polnischstämmige Frau steigt in die Straßenbahn ein und ruft ihrer Freundin draußen im Einsteigen noch was hinterher. Ein Fahrgast holt einen Stock aus seiner Jacke und schlägt ein paar Mal gegen eine der Haltestangen in der Bahn. Als die Frau später aussteigen möchte und nicht sofort darauf kommt, dass sie noch den Türöffner betätigen muss, damit die Tür sich öffnet, beschimpft er sie und meint, sie soll ins Gefängnis. Wie tief muss die Fremdenfeindlichkeit verwurzelt sein, um sich in der Öffentlichkeit so seltsam zu verhalten?

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Als ich der Frau auf dem Platz gegenüber zulächle, fängt sie unvermittelt an von ihrem Arbeitstag zu erzählen. Es sei ja später geworden wegen der Kassendifferenz. Aber drei Euro, meine Güte, damit könne sie ja leben, sie sei ja auch nur ein Mensch und Menschen sind ja nicht perfekt, da passiert sowas schonmal. Ich nicke freundlich und denke mir: Wieviel Druck bekommt sie wohl zu spüren, um Wildfremden so eindrücklich und rechtfertigend davon zu erzählen?

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Eine Gruppe Jugendlicher, die man im Ruhrgebiet aufgrund ihres Äußeren gemeinhin "Türke" nennen würde, obwohl sie vermutlich (nur) einen deutschen Pass besitzen, unterhält sich über Reisen und andere Länder. Dabei kommt auch zur Sprache, dass Grönland zu Dänemark gehört, obwohl es sehr weit weg davon liegt. Eine andere Gruppe Jugendlicher, denen man aufgrund ihres Äußeren und ihrer Ausdrucksweise vermutlich die Bezeichnung "Bitch" und einen entsprechenden Bildungsstatus zuschreiben würde, wundert sich über den Halt in Herne - schließlich fährt die S-Bahn ja Richtung Essen. Dass der Zug die Fahrtrichtung dazu erst zwei Bahnhöfe später ändern muss - geschenkt. Haben "wir" Angst davor, dass "Ausländer" uns "die Arbeitsplätze wegnehmen", weil sie vielleicht einfach besser qualifiziert bzw. gebildeter sind?



Zwielichtige Erinnerungen

22 Uhr, Dortmund Hauptbahnhof Nordausgang. Eine Frau sucht das Dietrich-Keuning-Haus, sie steht direkt vor dem Weg dorthin, das weiß ich sogar ausnahmsweise mal. In der Feuerwehr leuchten alle Alarmeulen1. Eine Straße weiter rauscht ein Leiterwagen vorbei. Um die Ecke, ich bin in der Zimmerstraße. Vor dem Spielplatz hängen mal wieder zwielichtige Gestalten. Brauchste Gras, Bruder?

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In der Linienstraße verschwindet ein torkelnder, schreiender, siffiger, total betrunkener Typ. Zwei Jugendliche, denen der Zutritt zu dieser Straße noch nicht gestattet ist: "Boah, stell dir vor du wärst ne Nutte und müsstest DEN vögeln!"

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Über die Straße sollte man gehen, wenn sie frei ist, statt bei grün. Manchmal werfen sich aggressive, linksabbiegende Autofahrer bei roter Ampel mit quietschenden Reifen direkt zwischen die fahrenden Autos des kreuzenden Verkehrs.

  1. Eule: Oranges rotierendes Warnlicht