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The Hundred In The Hands im Gebäude 9 (Köln-Deutz). Ein ranziger Club, hinten auf einem alten Industriegelände, das zum "Kunstwerk" umfunktioniert wurde. Graffitis an allen Hauswänden, innen sind die Wände so voller Sticker und Tourplakate, dass man die Klotür nicht von der Wand unterscheiden kann. Als Indie-Band scheint man an diesem Schuppen nicht vorbei zu kommen. Die Bar ist geöffnet, ein DJ-Duo legt etwas alternative Musik auf, ein paar Leute sind da. Irgendwann macht jemand die Tür zum Konzertraum auf, aber niemand geht rein, passiert ja auch noch nichts. Der Sänger der Vorband wuselt mit einem Bier durch die Gegend, aber keiner erkennt ihn. Die DJs sind cool, sie machen normalerweise die GetAddicted-Party. Einer von ihnen kommt aus Dortmund, auch im Bochumer Bermuda3Eck haben sie schonmal aufgelegt. Gutes Zeug ist das, was sie da auflegen, es passt zu The Hundred In The Hands, die zwar einen recht eigenen Stil haben, dabei aber verschiedene Elemente mischen, so dass sie kompatibel sowohl zur Indie- als auch zur gemäßigten Elektronik-Szene sind.

Die Vorband Swearing At Motorists hingegen gehört eindeutig zu den Rockern dieses Landes. Obwohl aus St. Pauli in Hamburg, sprechen sie größtenteils Englisch und auch alle ihre Songs sind in englischer Sprache geschrieben. Ein bisschen seltsam, aber wie der Typ mit der Gitarre abgeht, lässt darüber hinweg sehen. Ein bisschen Livesampling und Loops, kombiniert mit langen, ruhigen Intros, die dann schlagartig explodieren und die beiden Hamburger ausrasten lassen, das bekommen wir knapp eine Stunde geboten. Gute Riffs und mitreißende Rhythmen, gepaart mit witzigen Moderationen eines Sängers, der sich offensichtlich selbst nicht allzu ernst nimmt. Ernstzunehmender Rock von einer alles andere als auf Perfektion getrimmten Band. Dazu schummrige Beleuchtung ohne jegliche Effekte (bis auf die flackernden blauen Scheinwerfer, die möglicherweise einfach defekt sind), perfekt passend zum hier vorherrschenden Underground-Clubfeeling.

Nachdem die beiden Bands gemeinsam mit ein paar Technikern umgebaut haben, geht's auch zügig weiter. Wir bekommen "Dressed In Dresden" als ersten Song, direkt gefolgt von "Empty Stations", das ich wegen seiner atemberaubenden Spannungskurve eigentlich als Intro erwartet hätte. Beide Songs klingen live noch viel eindringlicher als schon auf den Alben. Überhaupt kommt der gegensätzliche Sound live unheimlich gut rüber - rockige Gitarrensounds und harte Drumbeats kombiniert mit einem sanften Synthesizer und Eleanores sphärischer Stimme. Viel Moderation oder Publikumsinteraktion wie bei der Vorband gibt es nicht - einfach nur pure Musik. Es ist eines dieser seltenen Konzerte, wo sich Zuschauer und Band einfach in die Musik fallen lassen und eine Stunde einfach treiben, tanzen, getrieben von den teils mitreißenden, teils einnehmenden und umhüllenden Klängen.

Auch eine Bühnenshow fehlt völlig - glasklarer, wuchtiger Sound, minimales Licht, nichts als die drei Musiker auf der Bühne, die mich jedes Mal, wenn ich hinschaue, aufs Neue faszinieren, wie sie so völlig in der Musik aufgehen. Die Sängerin hat quasi immer die Augen geschlossen, nur ganz selten kommt sie hinter ihrem Synthesizer hervor, noch seltener ein Blick ins Publikum, gelegentlich wie unbewusst sanft tanzend. Der Gitarrist wechselt immer wieder abrupt zwischen hochkonzentriert auf die Effektgeräte und vollkommen mitgerissen von den Riffs; teilweise scheint es, als würde er jeden Moment in einer ekstatischen Bewegung versehentlich einen Verstärker umwerfen. Und der Schlagzeuger schließlich spielt völlig mühelos komplexe Rhythmen und schnelle Fills, vollkommen im Einklang mit den anderen beiden Bandmitgliedern, als wäre er genau dafür geschaffen worden.

Wer sich in dieser Musik fallen lässt, bekommt die Chance, seinen Alltag vollständig auszublenden und einfach nur noch zu genießen. In diesem Zustand ist man der Band dann ganz nahe - nicht nur, weil die Location so klein und die Bühne direkt am Publikum ist, sondern noch viel mehr, weil man dann vorübergehend in der selben Welt lebt, jeder für sich, und alle gemeinsam. Wilde Feierorgien wie bei Rockkonzerten mit Moshpits und viel Chaos wären hier völlig fehl am Platze. Dass ich zwischendurch Nasenbluten bekomme - scheißegal, nur das Tanzen, das Fühlen der Musik zählt.

Und was wir da fühlen! Glück und Zerrissenheit, puren Genuss und Verlorensein. Wilde Leidenschaft, als die Band das alte "Tom Tom" auskramt, und sanfte Leidenschaft, als "Red Night" das Konzert als Zugabe beendet. Und vor allem Freude über die großartige Musik, die diese Band geschaffen hat. Freude, die weit länger anhält als eine gute Stunde.

Dieser Bericht erschien auch auf {venue}.

The Ting Tings haben sich in den letzten Jahren auf verschiedensten Wegen einen Namen gemacht - sie spielten auf großen Festivals, ihre Musik lief im Radio, die Singles wurden in verschiedenen Werbespots großer Firmen verwendet. Sie haben sich aber darüber hinaus auch rar gemacht - nach dem Debütalbum "We Started Nothing" von 2008 folgte erst vor wenigen Wochen endlich eine zweite Scheibe und seit 2009 waren sie nicht mehr in Deutschland auf Tour. Dafür aber, um einige Songs in einem Berliner Studio aufzunehmen, und mit diesen Songs im Gepäck gab es jetzt drei Auftritte hierzulande, einen in Berlin beim Melt! Weekender, einen im Grünspan in Hamburg und einen bei Rock am Ring. Also packte ich meine Sachen, fuhr ein paar Freunde in Hamburg besuchen und suchte das Grünspan auf.

Das Grünspan fasst zwar nur ein paar hundert Leute, dafür bietet es aber eine wunderbare Atmosphäre und einen genialen Sound. Durch den Konzertraum zieht sich seitlich an der Wand eine schick beleuchtete Bar, obendrüber, ebenso liebevoll in Szene gesetzt, findet sich die Garderobe. Der DJ, der vor dem Konzert auflegte, gehört leider nicht zur Location, sondern wurde vom Veranstalter gebucht. Mit wild gemischter und trotzdem perfekt passender Musik von Yeah Yeah Yeahs über Crystal Castles und M83 bis The Hives wurden wir perfekt unterhalten, bis sich um 20:15 mal jemand zum Soundcheck bequemte. Die Verzögerung ist möglicherweise auch auf die Besucherzahl zurück zu führen - zu der Zeit war es nämlich zwar schon eine Viertelstunde nach planmäßigem Beginn, aber immer noch recht leer und die Abendkasse geöffnet.

Irgendwann wurde es dann aber endlich dunkel, ein Intro erklang und Jules kam an seinen Platz. Das Intro wurde von Drums abgelöst und Fans wussten: Es gibt "Great DJ" direkt als ersten Song. Mit den dadurch ausgelösten Begeisterungsschreien des Publikums kam dann auch Katie auf die Bühne´, haute in die Saiten und spielte das allseits bekannte Riff, das ursprünglich mal aus einem schlecht gespielten Akkord entstand und später zu einem Song wurde - wie einige Titel des ersten Albums. Ganz anders "Hang It Up", das Flaggschiff des neuen Albums. Auch hier dominiert zunächst das Gitarrenriff, diesmal aber ganz gezielt und mit trockener Drummachine, die dann später von dröhnenden echten Drums abgelöst wird.

Dabei zeigt sich auch direkt die unglaubliche Dynamik der Show. The Ting Tings sind nur zu zweit und von einer Verteilung der Instrumente kann man nicht reden, denn ständig werden Instrumente gewechselt, werden synthethische und "echte" Komponenten gemischt, werden Loops verwendet und neue Patterns drüber gelegt. Bei keiner Band rennen so oft Roadies über die Bühne, um Gitarren anzunehmen, wieder anzugeben, Keyboards hinzustellen, Fußpedale und Synthis zu tauschen und alles wieder gerade zu richten. Spielte Jules am Anfang noch die zweite Gitarre, musste die später im Lied dem Schlagzeug weichen. Später werden auch Gitarren, Keyboards und Synthesizer gemischt, mal singt Katie, mal Jules, mal beide, und bei "We Walk" spielt Jules dazu auch noch gleichzeitig Schlagzeug und Gitarre - wozu hat man schließlich zwei Hände und zwei Füße!

Und um nochmal auf die Roadies zurück zu kommen: Nicht nur die Instrumentenwechsel sorgen für viel Bewegung, auch Frontfrau Katie läuft, rennt und springt über die Bühne wie ein Flummi, schmeißt Mikro- und Instrumtenständer um und sorgt überhaupt für ziemlich viel Chaos, ganz zu schweigen davon, dass immer jemand das lange Gitarrenkabel einsammeln muss. Die Technik tut ihr übriges, damit die Bewegung auch optisch zur Geltung kommt. Und als bei einem Lied mal eine dritte Gitarre gebraucht wird, darf der Gitarrenangeber auch mal selber ran.

Während auf der Bühne also von Anfang an wirklich reichlich viel los ist, ist das Publikum nur mäßig begeistert. Die erste Reihe tobt, als Katie sich bei "Hang It Up" zwischen die Fotografen im Fotograben quetscht um so vielen Fans wie möglich die Hand zu schütteln, aber bewegungsfreudig sind die vielleicht 300 Zuschauer nicht. Als Katie nach "Give It Back" und "Guggenheim" meint, jetzt sei aber wirklich genug Zeit zum Ausruhen gewesen und Tanzen angebracht, holen einige ihr Handy raus um zu filmen. Schade, dabei hat sie doch extra eine kleine deutsche Rede geschrieben und auch da nochmal darauf hingewiesen, dass der Spaß das Wichtigste ist: "Meine Deutsch ist scheiße, deshalb halte ich jetzt besser die Klappe und bringe euch zum Tanzen!"

Die Tanzwilligen jedenfalls lassen sich nicht davon abhalten, dass sie in der Unterzahl sind, und feiern mit Katie und Jules zu "Hit Me Down Sonny", das live um einen Gitarrenpart ergänzt wurde, und "Fruit Machine". Als danach "Shut Up And Let Me Go" erklingt, ist dann auch die gesamte Menge begeistert, denn den Song hat wirklich jeder schonmal irgendwo gehört und die "Hey!"-Parts auswendig gelernt. Außerdem haben The Ting Tings ihre riesige Stand-Basedrum wieder dabei, die Katie mit Begeisterung spielt - und hinterher zu Boden wirft und sich draufstellt, darauf inzwischen barfuß tanzt und die Cowbell spielt.

Die meisten Songs machen ja schon vom Album viel Spaß, aber live nochmal deutlich mehr, nicht nur, weil die Band selbst wild feiert, sondern auch, weil viele Songs um zusätzliche Parts ergänzt wurden, zum Beispiel weitere Gitarrenriffs oder "echte" Varianten von eigentlich synthethischen Patterns. Außerdem ist die Abmischung ganz anders, das Schlagzeug kommt viel wuchtiger rüber und auch wenn Jules bei "We Walk" gleichzeitig Gitarre und Schlagzeug spielt, sind doch einige Songs in der Instrumentierung reduziert, so dass die vorhandenen Elemente wesentlich kräftiger rauskommen.

"We Walk" ist dann auch schon der vorletzte Song des regulären Teils, gefolgt von einer acht Minuten langen Version von "Hands", einem in Berlin entstandenen, stark vom Tekkno beeinflussten Song. Vielleicht der mit den meisten Facetten: Als Single kommt er in einer normalen synthethischen Fassung, in Akustiksessions in einer völlig anderen, melodischen Form und in Hamburg ergänzt um ausschweifende, in Richtung Trance gehende Synthi-Samples in einer doppelt so langen, sich ständig steigernden Fassung, die am Ende, nach zwei Breakdowns, mit einem harten Gitarrenriff und scheppernden Drums vollkommen explodiert. Kein Wunder, dass das Publikum lautstark Zugaben fordert.

Nach einer gefühlt ziemlich langen Pause gab es die dann auch. Zunächst "Keep Your Head" - in dem immer nur noch "Ten minutes to go" sind und man einfach die Ruhe bewahren soll, in einer aufgemotzten Liveversion. Und für die weniger eingefleischten Fans danach natürlich noch "That's Not My Name" - als letzten Song, aber nicht mit weniger Emotionen, obwohl längst nicht mehr taufrisch.

70 Minuten dauerte das Konzert damit nur, und wenn man sich die beiden Alben anschaut, die beide nur 10 Tracks umfassen, könnte man meinen, dass sich die Band ganz schön viele Freiheiten rausnimmt. Man kann aber auch ihren Worten Glauben schenken, dass sie einfach anspruchsvoll sind. Schließlich hat das aktuelle Album "Sounds From Nowheresville" deshalb so lange gebraucht, weil die Band einfach mal einen ganzen Haufen Songs verworfen hat, weil sie "nicht funktioniert" haben. Und so grandios wie das Ergebnis der kritischen Auswahl war auch das Konzert. Wer lange aushält, bekommt also auch ein grandioses Ergebnis - und außerdem lebt eine Band ja im Idealfall nicht für die Fans, sondern mit den Fans.

"Sounds From Nowheresville", das neue Album des britischen Duos "The Ting Tings", beginnt mit einem Track namens "Silence". Zu den anfänglichen sanften Synthi-Klängen mischt sich schnell ein klarer Drumbeat, und Katies Gesang übernimmt die Leadstimme. Alle sollen ruhig sein und der Stille zuhören, singt sie. Danach ergießt sich der Track erstmal in bombastischen Synthesizierklängen, bevor es mit dem Text weitergeht. Keine Notwendigkeit, sich selbst oder anderen zu zuhören, heißt es. Und damit ist der Kern des Albums getroffen.

Vier Jahre nach ihrem electropoplastigen Debütalbum haben sich The Ting Tings um 360 Grad gedreht, eine Menge mitgenommen und blicken nun wieder gerade nach vorne. Das 10 Tracks (19 in der Bonusversion) umfassende "Sounds From Nowheresville" übertrifft sich mit jedem Track aufs Neue selbst. Da ist das sphärische und wortkarge "Silence", was das perfekte Intro abgibt. Die Synthesizer müssen dann erst einmal ruhen, in "Hit Me Down Sonny" kriegt man harte Beats und ein Gitarrensolo zusammen mit Katies aggressivem Gesang um die Ohren gehauen. Ein Song, den Ting Tings-Fans der ersten Stunde mögen werden. Ebenso "Hang It Up", eine der ausgekoppelten Singles. Hier zeigt sich nicht nur, dass Katie an der Gitarre besser geworden ist, sondern auch, dass Jules hart an seinem Gesang gearbeitet hat.

Der zickige und aggressive Klang geht bei "Give It Back" deutlich zurück und den Leadgesang teilen sich die beiden nun. Es ist nach "Silence" der nächste Track, der sich nach und nach aufbaut - nach und nach werden weitere Instrumentenspuren dazu gemischt und nach dem zweiten ausschweifenden Refrain kriegt man dann erneut die volle Dröhnung Wut um die Ohren. The Ting Tings sagen über das Album und die lange Entstehungszeit, dass sie etwas zu sagen haben. Sie haben definitiv etwas zu sagen, und sie schleudern es dem Hörer gnadenlos entgegen.

Mit "Guggenheim" kommt der nächste Bruch ins Spiel - alle Instrumente spielen nun in den Strophen eine völlig untergeordnete Rolle, während Katie erzählt - ganz klassisch eine Liebesgeschichte. Im Refrain ist die Wut dann wieder da und gegen Ende des Stücks übertrifft sie alles, was bisher da war. Die Wut ist vielleicht das tragende Element des Albums und natürlich ist, Ting Tings-typisch, jeder Track von einem prägnanten Loop geprägt. Aber durch die vielen verschiedenen Stimmungen und Stile habe ich bei jedem Track wieder einen überraschten Gesichtsausdruck und frage mich, was wohl noch alles kommt, bevor mich auch dieser Track wieder mitreißt und völlig begeistert.

Nachdem man die mitreißende Geschichte von Guggenheim gerade erst verpackt hat, kriegt man schon die Soul-Nummer "Soul Killing" verpasst. Bläser und Klavier werfen jeden bisherigen Stil über den Haufen. Als treibendes Element dient diesmal das Quietschen eines Bettes und ich stelle mir die Hitze Spaniens vor, in der ein Teil des Albums produziert wurde. Dagegen habe ich bei "One By One" das Gefühl, alle bei der Produktion in Berlin ausgekramten alten Synthesizer gleichzeitig zu hören. Ab "Day To Day" ist dann allerdings zumindest gitarrentechnisch Schluss mit elektronisch und die Akustikgitarre kommt als Leadinstrument raus (nicht ohne bei "Help" nocheinmal von einem Synthi-Solo unterbrochen zu werden). Drei Tracks, die alle die erfreuen werden, die die Akustikversionen der Songs des ersten Albums besonders schön fanden. Und in der Tat kommt Katies schöne Stimme hier besonders zur Geltung. Der reguläre Teil endet schließlich mit dem ruhigsten und schon melancholischen Song "In Your Life", bei dem dann sogar Streicher ins Spiel kommen.

Die Besitzer der Bonusversion kommen nicht nur in den Genuss eines Doppelcovers (das Album befindet sich bei der signierten Deluxe-Version in einer Pappschachtel, die mit der invertierten Version des Covers und einer umgestalteten Trackliste bedruckt ist), sondern auch in den Genuss neun weiterer Tracks. Sechs Remixes, darunter die bereits früh veröffentlichte Bag Raiders-Version von Silence und der nach Dubstep klingende Inertia-Remix von Hang It Up, dazu die Demo von "Give It Back" und zwei im regulären Teil nicht enthaltene Songs. Da ist dann auch "Hands" dabei, der erste Track, den The Ting Tings nach ihrem ersten Album veröffentlicht hatten, und dazu "Ain't got Shit", ein bisher gar nicht veröffentlichter Titel.

"Sounds From Nowheresville" umfasst 10 bzw. 19 Tracks und kommt in einer knallbunten Verpackung mit Textheft. An vielen Stellen finden sich Ergebnisse des "Show Us Yours"-Projektes, auch das Cover ist von einem Fan gestaltet worden. The Ting Tings stehen kurz vor ihrer USA-Tour und sind im Sommer z.B. bei Rock am Ring zu sehen. Bis dahin kann ich jedem empfehlen, mal in das Album reinzuhören - Fans werden mit Sicherheit auf ihre Kosten kommen und auch alle anderen sollten der Musik eine Chance geben.

Letzten Freitag traf ich die beste Spontanentscheidung des Jahres. Grossstadtgeflüster, eine Berliner Electro/Punkband ("Ich muss gar nix"), waren für Köln angekündigt, ein verschobener Konzerttermin sollte nachgeholt werden. Bei denen war ich schon zweimal, es war beide Male absolut grandios. Mit dabei Deine Jugend ("Mama geht jetzt steil"), ebenfalls eine Electroband, aus Mannheim, die hörten sich auch schonmal echt gut an. Außerdem ist deren Gitarrist früher bei Liquido ("Narcotic") gewesen. Wunsch.WG, eine Poprock-Gruppe aus dem Kölner Raum ("Deine Welt brennt"), kannte ich bis dahin noch nicht. Zwar wollte so kurzfristig niemand mitfahren, aber für fünfzehn Euro zwei gute und eine potenziell gute Band in einer coolen Location konnte ich mir nicht entgehen lassen.

Das Konzert fand im Kulturbunker in Köln-Mülheim statt, dem Stadtteil, der durch das E-Werk und das Palladium wohl vielen bekannt sein dürfte. Das Gebäude war recht gut zu finden, dort angekommen landete ich dann direkt im Organisationschaos. Die drei Konzerte fanden im Rahmen des Dreibandfestivals statt, welches jetzt nach einigen organisatorischen Schwierigkeiten endlich seine Premiere feiert. Obwohl allerdings laufend viel zu erledigen war, wurde ich an der Kasse freundlich begrüßt und dank vorheriger Anmeldung via Facebook mit auf die Gästeliste gesetzt.

Ab jetzt dauert es nicht mehr lange, bis Wunsch.WG als erste Band den Abend eröffnen. Der Kulturbunker ist bereits etwa halb gefüllt, grob geschätzt 200 Menschen sind da. Viele der Zuschauer, die wie ich hauptsächlich für Grossstadtgeflüster gekommen sind, haben sich schon früher zu den anderen Bands eingefunden. Die Motivation ist dabei allerdings unterschiedlich und Wunsch.WG haben es mit ihrem entspannten Poprock schwer vor zwei Electrobands. Dafür gibt es verschiedene Publikumsinteraktionen, auf einen Zwischenruf hin wird ein Song einer Zuschauerin gewidmet und bei einem anderen Song kommt eine Tänzerin auf die Bühne. Mit der Zeit lassen sich dann doch einige Zuschauer mitreißen und am Ende ist die Stimmung aufgeheizt. Übrigens im Gegensatz zur Halle, wo eine angenehme Temperatur herrscht.

In der Pause ist dann die große Frage, was denn nun mit dem Meet&Greet und dem Backstagezugang ist. Zwar stehen einige Zuschauer auf der Gästeliste, teils durch Verlosungen, teils durch Fanaktionen, aber irgendwie lässt sich niemand auftreiben, der zuständig ist. Also an der Bar noch fix den Kameraakku nachladen, damit der auch ja durchhält, und wieder rein zu Deine Jugend.

Im Saal herrscht jetzt fast Finsternis. Waren Wunsch.WG noch recht hell beleuchtet, wird nun fast ausschließlich mit dunklem blauem und UV-Licht gearbeitet. Die Stimmung ist nicht nur dadurch völlig anders. Harte Beats werden uns um die Ohren geknallt, jede Menge Elektronik und eingespielte Samples. Der Sound ist unglaublich gut. Jede Basstiefe, jede Synthihöhe ist klar hörbar und doch klingeln einem nicht die Ohren. Großes Lob an die Technik an dieser Stelle! Deine Jugend jedenfalls liefern eine großartige Show ab und werden auch entsprechend vom Publikum aufgenommen. Jeder Song ist tanzbar, vor derber Sprache wird nicht zurückgeschreckt und die vorherrschende Meinung ist "Wir haben zwar jetzt einen ruhigen Song gespielt, aber eigentlich wollen wir doch alle feiern". Zum zuhause Reinhören und toll finden: "Mama geht jetzt steil", "Deine Maske" und "Sonnenbrille im Club".

Nach dem Aufwärmen vorher war das Konzert von Deine Jugend eine echte Party. In der Pause sind diesmal deutlich mehr Leute draußen an der Bar und in der ersten Reihe haben sich schon während dem Konzert zwei Fans ausgezogen. Presse und geladene Fans werden dieweil auf nach den Konzerten vertröstet, wenn die Bands sowieso rauskommen um CDs zu signieren. Die Umbaupause dauert diesmal etwas länger, Grossstadtgeflüster haben ihre eigenen Sachen dabei, die Schlagzeuge werden getauscht, Technik umgebaut. Passende Musik im Hintergrund, dann wieder Dunkelheit, vorne sieht man die Band im Robotergang aus der Backstage kommen.

Was jetzt folgt, ist eine explosive Mischung aus alten und neuen Songs, Publikumsinteraktion und Party vor und auf der Bühne. Es gibt viele Konzerte, die richtig Spaß machen, aber dieses hier ist so intensiv, dass es locker noch eine Nummer drauflegt auf das davor. Die Band ist richtig gut drauf und das Publikum noch besser. Unübertrieben jeder Song wird laut mitgesungen, ein Großteil des Publikums tanzt und springt durchgehend. Treibende Beats und schräge Elektrosounds sorgen für unglaublich viel Stimmung. Ich habe mal versucht, die Setlist zusammen zu kriegen, geordnet sind die Tracks aber nicht: Intro / Laut reden nichts sagen, Komm schon, Weil das morgen noch so ist, Lebenslauf, Käthe, Kartoffelsuppe, Ich muss gar nix, Overdressed and underfucked, Haufenweise Scheiße, IchBinHuiDuBistBuhDuBistSchubiIchBinDu, Kümmer dich, Dein Flow, Für dich und als letzte Zugabe Kann ich auch.

Ein fantastisches Konzert. Dabei ist die Band eigentlich schon raus aus der Livephase, es steht nämlich ein neues Album an. Daher werden diesmal auch nicht alle Zuschauerwünsche erfüllt - aber es ist ja nicht so, dass die drei nicht auch so genug gute Songs mitgebracht hätten. Und, ich wiederhole mich, aber ich bin wirklich beeindruckt - das Publikum ist dermaßen begeistert, ich erlebe selten, dass dermaßen konsequent Songs mitgesungen, sich die Seele rausgebrüllt und jede Emotion rausgelassen wird. Mitten im Set spielen Grosssstadtgeflüster "Ich muss gar nix" und auch "Haufenweise Scheiße", die beiden Songs sind dafür ja perfekt. Jeder in der Halle rastet aus und lässt alles raus, was während der Woche genervt hat, von den Teenies bis zu den begleitenden Eltern.

Nach "dem schnellsten Song den wir je geschrieben haben" ist dann endgültig Schluss. Inzwischen ist es 1:20 Uhr und ich mache mich zunächst auf den Rückweg, um noch eine Verbindung zurück ins Ruhrgebiet zu erwischen. Aber schon nach einigen Metern sagt mir mein Gefühl: Du kannst da jetzt nicht weg, immerhin bist du auf der Gästeliste und gleich kommt die Band raus. Also darauf gepokert, dass die S-Bahn durchgehend jede Stunde fährt und zurück. Die Location hat sich bereits deutlich geleert, nur am Merch-Stand warten ein paar Fans auf die Bands. Wunsch.WG und Deine Jugend scheinen allerdings schon weg zu sein, deren Merchandise ist nicht mehr da und alle reden von Grossstadtgeflüster. Von denen gibt es dafür hier das heiß begehrte und extrem rare Debütalbum "Muss laut sein", was ich zum vernünftigen Preis von 12€ auch direkt erwerbe.

Wenig später trudeln dann auch Raphi, Jen und Cris am Stand ein. Von irgendwelchen Backstage-Aktionen weiß niemand was, aber die drei sind auch so für Fotos, Autogramme und Fragen zu haben. So bekomme ich mein brandneues Album direkt signiert und erfahre auch, dass die Band gar nichts davon hält, dass "Muss laut sein" teilweise zu Wucherpreisen im Internet angeboten wird. Deshalb haben sie auch so lange auf ihr damaliges Label eingewirkt, bis trotz der kommerziell schwachen Argumente 1000 Stück nachgepresst wurden.

Apropos Album. Ein möglicher Erscheinungszeitraum für das vierte Werk ist Sommer 2012. Bis dahin wird es wenige bis keine Konzerte mehr geben - das einzige weitere in diesem Jahr wird an Silvester in der Schweiz sein. Solche und andere Fragen beantwortet Raphi mir völlig entspannt und bereitwillig und auch Jen, Cris und die anderen Fans sehen entspannt und glücklich aus. Etwas später löst sich die kleine Gruppe dann auf, um zwei verlasse ich den Kulturbunker und mache mich auf den Weg zum Bahnhof.

Eine meiner Entdeckungen von Bochum Total dieses Jahr waren Carpark North, eine dänische Synthrock-Band. Das Konzert bei Bochum Total zeigte, dass die Jungs was drauf haben und es live bringen, aber das Publikum war nicht so begeistert. Also musste ein Konzert mit Fans her - das war vergangenen Sonntag in der Matrix in Bochum-Langendreer.

Vorher gab es in dem verrauchten Club aber noch eine weitere Entdeckung. Rubylux aus England waren als Supportband dabei. Leider mit nur fünf Songs, die waren dafür aber alle abwechslungsreich und haben von Anfang an richtig Laune gemacht. Im Vergleich zu den Dänen ein eher rockiger Sound, was gut ankam, so dass schon während der Vorband die Stimmung im Publikum stieg. Mit dazu beigetragen hat sicher auch, dass die Jungs von Rubylux auf jeden Zwischenruf eingegangen sind und so Aktionen brachten wie "I have too many beers here, who wants one?". Zu kostenlosem Bier sagt niemand nein. ;)

Der Umbau ging dann zügig, zumindest gefühlt, dank guter Stimmung und gutem DJ. Es war nichtmal halb voll in der Matrix, so dass die Luft trotz vieler Raucher erträglich blieb. Außer dem schlechten Sound im hinteren Bereich ist die Matrix leider auch für die mangelhafte Lüftung berüchtigt.

Auch die Technik hatte sich inzwischen eingespielt; während Rubylux noch bei Licht auf die Bühne kamen und etwas irritiert waren, ob sie denn wohl anfangen könnten, wurde es nun stockdunkel bis auf den leuchtenden Synthesizer des Carpark North-Keyboarders. Dann harte synthethische Klänge aus dem Off, die Band kommt auf die Bühne und legt mit "Burn it" direkt richtig los. Spätestens jetzt ist klar: Die Leute, die da sind, sind auch Fans, und gehen genauso ab wie die Band selbst.

Nach dem grandiosen Start gab es dann immer wieder ein paar weniger bekannte Songs, gefolgt von Hits wie "More", "Transparent And Glasslike", "Shutdown" in Kombi mit dem "Another Brick In The Wall"-Remix ("We're definitely not gonna shutdown after that song") oder "Just Human". Immer wieder gab es Gelegenheit zum Ausrasten, was von Band und Publikum auch rege genutzt wurde. Während Lau und Morten durch Mikro/Gitarre und Schlagzeug relativ gefesselt waren, wechselte Søren ständig zwischen den Bässen, dem umgehängten Keyboard und dem Synthesizer. Nicht selten hatte man den Eindruck dass er gleich in sein Instrument hinein gezogen wird - Keyboard fast hinterm Kopf oder Bass auf dem Boden für abgefahrene Spieltechniken mit harten Effekten, alles dabei.

Nach "Just Human" als letztem Song gab es als erste Zugabe noch einen Song, der nicht als Single ausgekoppelt wurde, eine kurze Moderation und dann sorgte eine verzerrte Stimme Everybody run till the break of dawn für Jubel, "Shall We Be Grateful" schloss das Konzert würdig ab. Im Anschluss gab es noch die Gelegenheit, von Rubylux und Carpark North Merchandise zu erwerben und Autogramme zu sammeln. Ich habe dann aber die Gelegenheit genutzt, die S-Bahn zu nehmen und bin nach Hause gefahren.

Für 18 Euro war das definitiv ein ordentliches Konzert. Etwas mehr Zuschauer wären wünschenswert gewesen, andererseits war die Atmosphäre so auch sehr angenehm und man hatte reichlich Platz sich zu bewegen. Spaß gemacht hat es reichlich und sowohl Vor- als auch Hauptband haben bewiesen, dass sie voll hinter ihrer Musik stehen - und das ist mir persönlich am wichtigsten, denn dann kommen die Songs authentisch rüber und man kann sich von der Begeisterung mitreißen lassen.


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