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Genieß das gute Leben

Dachbodenfotos - 0010.jpgKürzlich hat jemand zu mir gesagt, mit Anfang 20 erlebt man nochmal eine Teenager-Phase. Man überdenkt seine Interessen, das soziale Umfeld ändert sich möglicherweise dramatisch, ganz viele neue Herausforderung stehen gleichzeitig an.1 Ich kann das so unterschreiben. Mit 20 bin ich von Zuhause ausgezogen und habe kurz darauf mein erstes Studium geschmissen. Stattdessen schloss ich mich TEN SING an, was mich nachhaltig geprägt hat, und sicherlich hat auch der dadurch bedingte ständige Umgang mit tatsächlichen Teenagern dazu geführt, immer ein bisschen in Umbruchstimmung zu bleiben.

Viele meiner Freunde, die ich hier in Chemnitz an der Uni kennen gelernt habe, scheinen sich nicht so recht darauf einlassen zu wollen. Der Plan, nach dem Studium zurück in die Heimat zu gehen, ist für sie in Stein gemeißelt, bei einigen scheint gar kein Interesse zu bestehen, nachhaltige Freundschaften aufzubauen. Es ist irgendwie alles ganz nett, aber diesmal im Sinne des verbreiteten Spruchs "Nett ist der kleine Bruder von Scheiße". Dabei steckt in der Zeit nach dem Abi soviel Potenzial! Für manch einen verändert ein Auslandsaufenthalt das Leben entscheidend, manche finden ihre Persönlichkeit in einer Freiwilligentätigkeit und manchmal wandelt sich das Leben eben wie bei mir während des Studiums.

Chemnitz ist die erste Stadt seit meiner Heimat Gelsenkirchen, in der ich mich richtig wohl fühle und wirklich eingelebt habe. Eine Wohnung, Supermärkte, Ärzte finden, Alltag leben, das bekomme ich überall in kurzer Zeit hin, ob nun Chemnitz, Berlin oder Tel Aviv. Aber in Chemnitz habe ich ein soziales Netz aufgebaut, Kontakte geknüpft, auch außerhalb der Stadt in Sachsen, ich verbringe meine Freizeit am liebsten hier, gehe hier meinen Hobbys nach statt dorthin zurück zu kehren wo ich früher war.2

Wer offen dafür ist, sich ein neues Leben aufzubauen, wird bald von Möglichkeiten erschlagen werden. Ich studiere neuerdings zwei Fächer gleichzeitig, weil es mir Spaß macht. Ich versuche, drei Jobs unter einen Hut zu bringen, weil ich gerne arbeite und das Gefühl bekomme, etwas zu bewirken. Man hat mir nahegelegt, mich für den Fachschaftsrat aufstellen zu lassen, und ich überlege, das zu tun, weil ich mich gerne für meinen Studiengang einsetzen möchte. Der Uni-Radiosender braucht neue Musikredakteure, auch das ist sicher eine spannende Sache. Sogar sportlich werde ich hier auf neue Ideen gebracht.

Wald - 0001.jpgDie Gewissheit, noch mindestens fünf weitere Jahre hier zu verbringen, und die Motivation, auch nach dem Studium in Sachsen zu bleiben, ermöglicht auch längerfristige Projekte. Außer TEN SING fange ich nun noch in einer professionellen Band an. Ich engagiere mich in einer studentischen Initiative, die jährlich eine große Spielenacht veranstaltet. Ich gehe sogar gelegentlich wieder aus. ;)

Zurzeit ist alles so voll gestopft mit Aktivitäten, dass ich durch den ganzen Druck leicht aus der Bahn zu werfen bin. Aber es ist absolut positiver Druck: Ein großer Teil meiner Zeit wird von Aktivitäten eingenommen, denen ich gerne nachgehe, an ganz vielen Ereignissen in meinem Alltag sind Menschen beteiligt, die mir wichtig sind. Ich kann mein Leben so aufbauen, wie ich es gerne möchte, dafür bin ich sehr dankbar. Platz für lose Unverbindlichkeiten ist da nicht - dafür aber Zeit, ernst gemeinte Kontakte zu pflegen und langfristige Projekte aufzubauen. Ich bin überzeugt davon, dass ich davon mehr habe, als von einem schneller durchgedrückten Studium und Hetzerei von Abi zu Bachelor zu Master zu Jobsuche.

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  1. Das ist mit ein Grund, warum ich es nicht gutheiße, dass man heutzutage teilweise schon mit 17 vom Abi an die Uni geschoben wird - aber darum soll es hier nicht gehen.
  2. Ich glaube, das funktioniert auch aufgrund der Entfernung besser, weshalb ich prinzipiell jeden ermutige, für das Studium weg zu ziehen, aber auch darum soll es hier nicht gehen.


Vorbei rasende Höhen und Tiefen

Hiking - 0007.jpgAnfang, Mitte 20 ist es vermutlich normal, wenn einem jedes Jahr wie ein ganz besonderes vorkommt. Ich versuche dieses Mal gar nicht erst zu begreifen, dass schon wieder ein Jahr vergangen ist, sondern betrachte den Wechsel von Dezember zu Januar einfach als das weitere Fortschreiten des Wahnsinns, der mein Leben ist. Jahreswechsel sind sowieso von viel geringerer Bedeutung, als man bei der ganzen Feierei annehmen könnte, denn vieles wird sich im nächsten Jahr, aber nicht am 1.1., ändern.

Ende 2013 war ich nach Chemnitz gezogen, um dort Sensorik und kognitive Psychologie zu studieren. Anfang 2014 war meine Wohnung immer noch nicht so richtig fertig, was sich änderte, als ich endlich den geplanten Umbau meiner Küche durchführen konnte. Ich bin 1,91m groß und habe daher die gesamte Arbeitsfläche 20cm höher gebaut, um Rückenschmerzen zu vermeiden. Das Ergebnis ist nicht wahnsinnig schick, aber ich bin dennoch stolz drauf, denn es ist komplett selbst gebaut.

Im Studium hatte ich mich schnell eingelebt und brachte auch die erste Klausurenwelle erfolgreich hinter mich. Einige Menschen wurden gute Freunde, andere kehrten mir den Rücken zu. Danach ging es auf Konzerttour - Leipzig, Gießen, Köln, Hamburg. Claire fanden es so cool, dass ich ihnen durchs halbe Land hinterher fuhr, dass sie mir ein T-Shirt schenkten und ihre persönliche Unterstützung für die nächste Tour ankündigten, sollte ich wieder mehrere ihrer Konzerte in weit entfernten Städten besuchen wollen. Ein Traum wurde wahr, und natürlich werde ich auch 2015 am Start sein!

So fing das Jahr im April mit einem dicken Highlight an zu rollen und nahm dann sehr schnell Geschwindigkeit auf. Auch ich rollte durch's Land, denn es verging kein Monat ohne eine geplante oder spontane Reise. So riss ich weitere Kilometer ab, um eine E-Gitarre persönlich abzuholen, denn ich begann, das Gitarrespielen zu erlernen. Vor der Rückfahrt von Hannover ließ mich meine Mitfahrgelegenheit sitzen, dafür traf ich mal wieder Markus, der mir auf meinen Reisen ständig begegnet, nun endlich auch mal in seiner Heimatstadt. Auf der fix umgeplanten Rückfahrt sammelte ich noch mein Fahrrad ein, dass ich am Vorabend nach dem Supershirt-Konzert in Leipzig gelassen hatte - in dem Glauben, es sei gestohlen worden, der erste Schockmoment des Jahres.

Überhaupt gab es auch immer wieder Ärger. Bei einem Diebstahlversuch wurde mein Rad so schwer beschädigt, dass die Reparatur mehrere Wochen dauerte und einen dreistelligen Betrag kostete. Auch musste um diese Zeit unser TEN SING-Auftritt erneut verschoben werden, da die Finanzierung geplatzt war. Sehr ärgerlich, aber es sollte noch bis September dauern, bis wir endlich auftreten konnten.

Dafür nahm TEN SING RheinRuhr am evangelischen Jugendcamp in Siegburg teil. Auch wenn die Aktion stressig war und nicht so glatt lief wie im Jahr zuvor beim Kirchentag, können wir stolz darauf sein, viele Jugendliche zusammengebracht zu haben. Nicht jeder kann von sich behaupten, binnen 48 Stunden eine Show auf die Beine gestellt zu haben und damit in einer fremden Stadt aufgetreten zu sein!

Auch als Konzertbesucher war ich im Sommer weiter unterwegs. Trotz (offenbar veralteten) Geschichten über den Ku-Klux-Klan verbrachte ich eine tolle Zeit beim Highfield Festival, freute mich über das Kosmonaut direkt in Chemnitz und machte etliche neue Erfahrungen beim technolastigen Utopia Island in Bayern. Dazu gehört auch die anschließende Übernachtung auf dem Boden eines bayrischen Bahnhofs - nicht die einzige, später im Jahr traf mich der Bahnstreik und ich durfte auch noch Frankfurter Holzbänke kennenlernen. Ein Obdachloser bewachte mein Gepäck während ich schlief, im Gegenzug hielt ich seinen Platz frei, wenn er rauchen war.

Meine Auslandsreisen verliefen hingegen recht problemlos. Zwar sagte ich die Interrail-Tour mangels Couchsurfing-Unterkünften ab, dennoch ging es aber nach Frankreich, wo ich ein paar schöne Tage an der Küste und in Paris verbrachte. Noch beeindruckender war Island - zwei Wochen in einem Land, das von Natur, Landschaft und Wetter so völlig anders ist als unseres, haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

So war der Sommer sicher der Beste seit langem. Wenn gerade weder Festivals noch eigener Urlaub anstanden, verbrachten wir lange Abende grillend und sternschnuppenguckend am Schlossteich oder kämpften uns gemeinsam durch den Mathestoff. Dankenswerterweise werden in Chemnitz die Prüfungsphasen so gebaut, dass alle Klausuren nach den Vorlesungen, aber dennoch lange vor Ferienende liegen, so dass man danach auch wirklich noch einige Wochen Ferien hat. Die NPD flog aus dem sächsischen Landtag und an der TU fingen zum Wintersemester 2014/2015 noch mehr Sekos an als in meinem Jahrgang.

Nach unserer TEN SING-Premiere kurz vor Semesterbeginn hatten wir noch zwei kleine Auftritte und schon waren wir wieder mitten in den Vorlesungen. Die Konzertsaison war nun vorbei und auch längere Reisen mussten erstmal im Kopf stattfinden, für legendäre Hauspartys ist aber immer Zeit. 2014 war ein Partyjahr - ergänzend zu den zahlreichen Konzerten, die schon länger typisch für mich sind, nun auch immer wieder mit Partys an der Uni und bei Freunden. Niemand kann behaupten, Chemnitz sei eine langweilige Stadt!

Mit dem Herbst schimmelte dann auch meine Wohnung wieder weg und meine Laune fing an stärker zu schwanken. Pralles Studentenleben hin oder her, mit so nervigen Dingen wie Ämtern, Vermietern und Nachbarn muss man sich leider trotzdem herumschlagen. Immerhin verbesserte ein überraschendes Jobangebot einer Firma aus New York meine finanzielle Situation erheblich, so dass ich spontan für ein paar Tage nach Brighton, einen meiner Lieblingsorte an der britischen Küste, fliegen und entspannen konnte. Direkt danach besuchte mich erstmals eine Couchsurferin - ebenfalls eine ausgesprochen positive Erfahrung.

Der Dezember schließlich dauerte gefühlt nur einen Atemzug. Trotz gar nicht vorhandener Weihnachtsstimmung, einer Verletzung am Fuß und daraus resultierenden Querelen in der Uni verbrachte ich einen wirklich schönen Abend auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt und später, als ich schon in NRW war, noch einen in der Aachener City. Chemnitz überraschte mit einem Konzert in einem süßen kleinen Cafe direkt bei mir um die Ecke und Weihnachten wurde erträglich durch fast komplett ausgefallenen Familienbesuch und eine alternative Weihnachtsparty bei Freunden. Direkt hinterher ging's noch raus aufs Land die Füße wund tanzen und Silvester verbrachte ich damit, alles, was brannte oder knallte, mit Schneebällen zu bewerfen, denn Sachsen war inzwischen kräftig eingeschneit.

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Im Januar wird endlich meine feuchte Wand saniert und ich fahre mal wieder nach Hessen. Seit ich 2010 auszog, bin ich über 15.000km gereist und falls ich die recht ernste Idee, im März nach Israel zu fliegen, in die Tat umsetze, wird diese Zahl schon bald drastisch steigen. Auch Malaysia und Indonesien stehen auf dem Plan und es wird Zeit, über Auslandssemester nachzudenken. Eine Menge Potenzial für ein weiteres spannendes Jahr - womit wir wieder beim Anfang sind: Aufregende Lebensphasen werden nicht in Phasen vom 1.1. bis 31.12. gerechnet.



Home, sweet home

Endlich wieder zurück in Chemnitz. Nach dreieinhalb Wochen Reisen bin ich froh, wieder zu Hause zu sein. Und ein Zuhause ist Chemnitz inzwischen wirklich geworden - denn Zuhause ist da, wo man nette Menschen kennt. Denen man Kuchen backen kann, weil sie die Wohnung gehütet haben, und die einen auf den neuesten Stand bringen, was in der Uni so passiert ist. Und die schonmal Estrichpreise recherchieren, während im Haus der Keller wegschimmelt.

Vermisst habe ich auch das Radfahren und Schlagzeug spielen. Der Chemnitztalradweg ist endlich wieder vollständig freigegeben und die Baustelle in meiner Straße weg, dafür gibt es drei neue auf der Strecke. Auch Chemnitz hat enormen Sanierungsbedarf. Im Gegensatz zu Reykjavik muss man hier aber keine Sprengarbeiten ertragen, wenn mal wieder gebaut wird, denn Kopfsteinpflaster ist zwar nervig, aber längst keine so große Herausforderung wie Lavagestein.

Zuhause ist für mich natürlich auch im Westen. Vor und nach den zwei Wochen Island habe ich meiner Heimatstadt Gelsenkirchen einen Besuch abgestattet und miterlebt, wie meine Schwester im Rahmen ihrer Polizeiausbildung vereidigt wurde. Außerdem probten wir mit TEN SING RheinRuhr ein Wochenende lang und fuhren zum evangelischen Jugendcamp, wo wir außer zwei Auftritten auch drei kleine Workshops anboten. Auch TEN SING heißt immer tolle Menschen treffen und mit ihnen eine gute Zeit verbringen.

Erholsam war meine Reise nicht, auch wenn ich immer von "Urlaub" gesprochen habe. Island besteht nicht nur aus malerischen Landschaften, sondern auch aus viel Brachland, durch das man sich per Anhalter oder zu Fuß kämpfen muss, um einige der wohl beeindruckendsten Plätze der Erde zu erreichen. Gelohnt hat es sich allemal. Einigen der spektakulärsten Orte werde ich noch einen eigenen Artikel widmen, aber auch die kleineren Ereignisse wie das Bogenschießen mit meiner Gastgeberin oder der Besuch auf dem Wikingermarkt haben Erwähnung verdient. Auf letzterem sind mir wiederum nette Leute begegnet, mit denen ich später meinen letzten Abend in einer Reykjaviker Kneipe verbracht habe.

Überhaupt, Reykjavik. Obwohl es als Stadt nicht besonders spannend ist, gibt es zahlreiche schöne Orte, die ich durch Geocaching gefunden habe. Ohne Fahrrad war das zwar teilweise etwas mühselig, dafür war es aber ein netter Zeitvertreib an Tagen, an denen es sich nicht gelohnt hätte, weiter raus zu fahren. Es gab zwar ursprünglich mal den Plan, mit Zelt, Trekkingrucksack und Daumen tagelang durch die Gegend zu ziehen, aber nach einer Nacht in jemandes Garten und einem darauf folgenden stundenlangen Misserfolg bei der Suche nach Anhaltern hatte ich mir die Füße wund gelaufen und die Motivation zum Wandern verloren. So habe ich zwar vermutlich weniger gesehen als möglich gewesen wäre, aber vollgepackte Zeitpläne waren noch nie mein Ding.

In einem Land, in dem im Sommer die Sonne nicht untergeht, kann man aber sowieso schnell an Reizüberflutung leiden. So waren die zwei Wochen auch völlig ausreichend, um meinen Bedarf an Erlebnissen für lange Zeit zu stillen. Auch das ist ein Grund, warum ich nun gerne wieder längere Zeit in Chemnitz verbringe - ein geregelter unaufgeregter Alltag hat eben auch seine Vorzüge.