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Ladyhawke: Anxiety

Diese Rezension schrieb ich ursprünglich für venue.de.

Das zweite Album ist das Schwierigste, sagen viele Künstler und Kritiker. Man war mit dem ersten erfolgreich und will daran jetzt anknüpfen, ohne aber genau das Gleiche nochmal zu machen und ohne seinen Stil zu verleugnen. Nach dem ersten, selbstbetitelten Album von Ladyhawke hatte ich jedenfalls einiges erwartet - aber nicht das, was sie mit "Anxiety" präsentiert.

Im Vorfeld wurden bereits die Singles "Black White & Blue" und "Sunday Drive" ausgekoppelt, das 10 Tracks umfassende Album startet allerdings erstmal mit "Girl Like Me". Ein knackiges verzerrtes Gitarrenriff und Percussions tönen aus den Boxen und sorgen sofort für Begeisterung, geht der Sound doch schon fast Richtung Rock - aber die softe Ladyhawke, die auf ihrer letzten Scheibe vor allem mit Synthesizern glänzte, ist das nicht. Oder doch?

Sunday Drive folgt dann als zweiter Track. Die Gitarren sind nicht mehr durchgehend präsent, dafür aber teilweise zum Stimmungsaufbau fast bis ins psychotische verzerrt. Insgesamt dennoch ein Track, der an früher erinnert - wäre da nicht das Gitarrensolo, mit dem sich ganz neue Welten öffnen. Synthpop geht also noch, jetzt aber passend zum Stil des Albums mit harten Riffs dazwischen. Doch die Frau, die dort singt, ist unverkennbar Pip Brown, die, die alle Instrumentenstimmen selber geschrieben und größtenteils sogar selber eingespielt hat, noch häufiger als schon beim letzten Album.

Auch der dritte Titel "Black White & Blue" spielt wieder deutlicher mit den Synthesizern, Gitarrenklänge hört man nun nur noch im Hintergrund - bis gegen Ende wieder ein Solo kommt, diesmal bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Auf einem ähnlichen Niveau bewegt sich auch "Vaccine", nun aber mit einer deutlichen Verschiebung zum Bass. "Blue Eyes" hingegen haut uns wieder verzerrte Riffs um die Ohren und auch die Drums sind ziemlich präsent. An die Soli hat man sich inzwischen schon fast gewöhnt.

Mit diesen Songs im Ohr überrascht es auch nicht mehr, dass Pip eigentlich aus der Rockecke kommt - Vor ihrer Zeit mit Ladyhawke war sie als Gitarristin unterwegs. Sie selber dazu: "Ich war immer diejenige, die so Heavy-Zeug auf der Gitarre spielte und die zwischendurch Solos machte". So hat sie nun das Meisterstück vollbracht, ihr Projekt Ladyhawke neu zu erfinden und sich selbst dabei trotzdem treu zu bleiben, indem sie ihren eigenen, früheren Stil in eine Band einbringt, die bisher nicht viel mit Gitarrenmusik zu tun hatte.

Das zweite Album der Neuseeländerin weist also klar einen anderen, gitarrenorientierteren Stil auf. In der zweiten Hälfte des Albums gibt's dann aber dennoch mehr Abwechslung. In "Vanity" ist es der Synthesizer, der das Solo bekommt. Und "The Quick & The Dead" wartet mit einer hörbaren Beständigkeit auf, ein an sich sehr langsamer Song, der aber doch irgendwie treibend und fortlaufend ist. "The quick and the dead will find you", singt Pip Brown, und "this thing is never ending". Zwischendurch hört man sie nach Atem ringen und das Stück weist gleich zwei Soli auf, diesmal extrem schräger Natur.

Der Titelsong "Anxiety" schließlich kommt nochmal mit einem eigenen Sound um die Ecke, ein eher treibender Beat, aber sanfte, etwas verunsicherte Vocals. Die perfekte Kombination für den Klang eines Albums, in dem die Künstlerin verarbeitet hat, dass sie ziemlich schnell ins Rampenlicht geschubst wurde, wo sie sich erstmal gar nicht so wohl fühlte.

Mit Hoffnung und dem Vertrauen darauf, dass alles so gedacht war wie es ist, beschäftigt sich das langsame, wuchtige "Cellophane". Damit bleibt die ruhige Stimmung noch ein bisschen erhalten, bevor wir uns mit reichlich Lärm und mehr Tempo in "Gone Gone Gone" verabschieden.

Ladyhawke hat ihren Sound kräftig aufgemotzt und mit "Anxiety" ein neues Werk geschaffen, was nicht nur eine Fortführung, sondern eine Weiterentwicklung ihres Erstlings "Ladyhawke" ist. Ein Werk, was für überraschte Blicke bei den Fans sorgen dürfte, danach aber ebenso für Begeisterung sorgen wird wie bei denen, die Ladyhawke erst jetzt kennen lernen. Und das sei jedem empfohlen, der dem Pop nicht prinzipiell abgeneigt ist!



Erste EP von NEOH: Auf Ewigkeit

Cover: NEOH - Auf Ewigkeit

Wenn man eine Band schon kennen gelernt hat, bevor sie ihre erste Veröffentlichung heraus gebracht haben, freut man sich direkt mit, wenn sie diesen Schritt dann geschafft hat. NEOH sind eine fünfköpfige Popformation aus Mittelhessen, die schon 2010, einige Monate nach ihrer Gründung, beim Open Flair Festival in Eschwege spielten und seitdem immer wieder ihre Fans entscheiden lassen wo sie auftreten - sei es ein zu gewinnendes Privatkonzert oder Aktionen in Schulen und Unis.

So wie man die Nähe zu den Fans bei den Musikern findet, findet man die Nähe zum Leben in ihren Texten. Jeder der fünf Songs wirkt ehrlich und echt. Es geht um Liebe, um Erinnerungen und auch mal ganz draufgängerisch um Träume und Verwirklichung von Zielen. Dabei sind alle Songs eingängig und leicht zu hören, seien es nun die poppigeren Stücke wie "König auf Lebenszeit" oder "Geh jetzt nicht" oder das verliebte nur mit einer Akustikgitarre begleitete "Ich liebe es".

Nach dem Gratisdownload "Weltensurfer" von Ende 2010 ist die fünf Tracks umfassende EP "Auf Ewigkeit" ab heute bei iTunes, Musicload und Amazon erhältlich. Sie hat eine Gesamtspieldauer von gut 15 Minuten und umfasst folgende Tracks:

  1. Geh jetzt nicht
  2. König auf Lebenszeit
  3. Ich liebe es
  4. Nicht echt
  5. Staub & Tränen

Die nächsten Konzerttermine:

  • 09.01.2012 Elisabethschule, Marburg
  • 11.01.2012 St. Lioba Schule, Bad Nauheim
  • 17.03.2012 Rock the Church, Gelsenkirchen

NEOH sind drauf und dran, ins volle Bandleben zu starten. Ihre erste EP macht bereits Lust auf mehr. Man darf also gespannt sein, wie sich die Band in diesem Jahr entwickelt!

Offizielle Website
Offizielle Facebook-Seite

Dieser Bericht erschien auch auf venue.de.



The Ting Tings: Vorboten des neuen Albums

Diesen Artikel habe ich ursprünglich für venue.de geschrieben.

Cover: The Ting Tings - Hang It UpDrei Jahre nach dem Debut-Album hat das britische Duo The Ting Tings ein zweites Album fertig gestellt und steht kurz vor der Veröffentlichung. Songs wie "That's Not My Name" und "Shut Up And Let Me Go" waren damals in jedermanns Ohr und wurden mehrfach für Werbespots, wie z.B. für den Apple iPod, verwendet.

Our albums nearly ready to be released..just waiting for our label to get the boring stuff together and we are off. We are dead proud of it and feel like we made a proper album. Not a rushed-by numbers fake blaggin it turd.

The Ting Tings, 28. September 2011

In Berlin aufgenommen soll es "Kunst" heißen, inspiriert von einem deutschen Massagesalon. Bereits früher dieses Jahr war die erste Single "Hands" erschienen und machte Lust auf mehr. Vor kurzem erschien nun die zweite Single "Hang it up" und nachdem das Youtube-Video aufgrund der GEMA-Konflikte in Deutschland gesperrt wurde, hat die Band den Song auf Soundcloud veröffentlicht.

Man merkt an beiden Singles, dass der unverkennbare Sound der Ting Tings geblieben ist und sich die beiden dennoch deutlich verbessert haben. Gerade bei "Hang it up" fällt das auf, da Jules hier erstmals einen eigenen Gesangspart hat, der zeigt, dass nicht nur neue Instrumente angeschafft wurden, sondern auch an den Stimmen gearbeitet wurde.

Das neue Album "Kunst" hat noch kein bekanntes Veröffentlichungsdatum, aber ich bin jetzt schon gespannt und neidisch auf die Briten, die jetzt in den Genuss der ersten Tour mit den neuen Songs kommen.

Update/Korrektur: "Kunst" ist nur ein möglicher Kandidat für einen Albumtitel gewesen. Laut Amazon UK wird das neue Album "TBC" heißen und am 16. Januar 2012 erscheinen.

Offizielle Website
Soundcloud-Channel der Band (mit Hang it up und Remixes)
Persönlicher Blog der Band



Albumrezension: M83 - Hurry Up, We're Dreaming

Diesen Artikel habe ich ursprünglich für venue.de geschrieben.

M83, eine Dreampop-Band aus Frankreich, gehören wohl nicht zu den Bands, die mit jedem Album wieder etwas völlig neues erfunden haben. Das müssen sie aber auch gar nicht. Das kürzlich erschienene fünfte Album “Hurry Up, We’re Dreaming” klingt nach einem Widerspruch: Der Titel ist eine Aufforderung, sich zu beeilen, und redet gleichzeitig vom Träumen, was sonst Anlass für Langsamkeit ist. Betrachtet man die Worte des Bandleaders Anthony Gonzalez, der vor der Produktion des Albums nach L.A. umgezogen war, geht es eher um Erinnerungen, an denen man hängt, während das Leben einen auffordert schneller zu leben.

Umzüge in andere Städte bringen Aufregung und Abwechslung mit sich, und während “Hurry Up, We’re Dreaming” viel Bewährtes beibehält, ist es doch abwechslungsreich. Einige Tracks erinnern mit ihren verträumten Synthi-Klängen und dem weichen Gesang an den Vorgänger “Saturdays = Youth”, andere sind viel lauter und treibender. Dazwischen finden sich immer wieder kurze, ruhige, rein akustische Stücke wie “Where the Boats Go” oder “Trains to Pluton”. Auch hier wieder ein verspielter Widerspruch – die Titel wirken als Ruhepause zwischen den lebendigeren Stücken, tragen aber alle Namen, die mit Bewegung in Zusammenhang stehen.

Bis auf das von einer Akustikgitarre geprägte und mit Streichern untermalte “Soon, My Friend” sind dann allerdings doch alle Titel stilistisch unverkennbar M83-Songs – wenig Gitarren, dafür umso mehr Synthesizerklänge, Reverb-Effekte und elementare, aber nie hervortretende Schlagzeugpatterns. Neu ist der kräftigere Gesang. Frontmann Gonzalez begründet das mit der Tour von 2010, wo M83 mit Kings Of Leon, The Killers und Depeche Mode auf Tour waren: “Wenn man alle diese Frontmänner so selbstbewusst vor einem großen Publikum auf der Bühne sieht, gibt einem das auch Selbstvertrauen, das Gleiche zu versuchen”.

“Hurry Up, We’re Dreaming” kommt als Doppelalbum mit zweimal elf Tracks, die insgesamt 73 Minuten lang sind. Ich werde allerdings den Eindruck nicht los, dass Gonzalez bloß gerne ein Doppelalbum produzieren wollte – ein Konzept ist dahinter nicht erkennbar, nach den ersten elf Tracks geht es auf der zweiten CD genauso weiter. So bekommt man ein etwas überdurchschnittlich langes Album mit gewohnt solidem Indie- und Dreampop, bei dem sich die Band sicher nicht neu erfunden hat.