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Bequemes Schuhwerk & Daumen raus: Hitchhiking in Island

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Per Anhalter fahren ist etwas, von dem einem in Deutschland sehr häufig abgeraten wird. Ausgehend von dem Entsetzen, das man erntet, wenn man das Thema anspricht, muss man quasi einplanen, ausgeraubt und vergewaltigt zu werden. Dabei sind es nüchtern betrachtet vor allem technische Dinge, die das Trampen in Deutschland schwierig machen - viele Autobahnen, auf denen man schnell fahren darf (im Gegensatz zu maximal 90km/h in Island), viel Verkehr mit einem hohen Anteil an Fahrern, die auch für kurze Strecken die Autobahn benutzen. Das Risiko, auf Verbrecher zu treffen, kann dagegen eher gering eingeschätzt werden - es ergibt ja auch nicht viel Sinn, mit dem Auto durch die Gegend zu fahren in der Hoffnung auf ein potenzielles Opfer mit ausgestrecktem Daumen.

In Island hingegen ist es häufig der erste Rat, wenn man fragt, wie man denn irgendwo hin kommt: Just go hitchhiking, it's really easy. Die Aussicht, in aller Seelenruhe die verschiedenen Landschaften ansehen zu können, fand ich auch verlockend. Also probierte ich es direkt mal aus, fuhr mit dem Bus von Reykjavik, wo ich wohnte, an den Rand der Nachbarstadt Mosfællsbaer, von wo eine Bundesstraße zum Nationalpark Þingvellir führt, der mein erstes Ziel war. Ich lief also bei bestem Sonnenschein besagte Straße entlang und hielt den nahenden Autos meinen Daumen vor die Scheibe. Und tatsächlich hielt nach wenigen Minuten schon ein Wagen an und zwei Koreaner boten mir an, mich ein Stück mitzunehmen.

Es traf sich, dass die beiden Reporter waren, und so hielten wir auf dem Weg zwischendurch an, um die Landschaft zu fotografieren. Selbst etwas ahnungslos ließ ich mich schließlich beim erstbesten Information-Schild rausschmeißen, die beiden mussten noch deutlich weiter. Der Ort war glücklicherweise genau richtig und am Ende des Tages stand ich also wieder irgendwo in der Pampa an einer Bundesstraße - diesmal jedoch mutterseelenallein.

Mutterseelenallein liefert immerhin eine Antwort auf die heiß diskutierte Frage, ob es wohl sinnvoller ist, an einem guten "Spot" stehen zu bleiben oder immer weiter zu laufen: Wenn niemand kommt, sollte man sich wohl besser zu Fuß dem Ziel nähern. Nach ein paar Minuten kam dann aber ein einzelnes Auto und hielt tatsächlich auch direkt an. Diesmal waren es zwei Finnen, die - Klischee bestätigt - recht schweigsam waren, mich aber sogar bis nach Reykjavik zurück fuhren.

Abgesehen von der obigen Situation ist es meiner Meinung nach meistens besser, an einer sicheren Stelle, an der Autos gut anhalten können, stehen zu bleiben und zu warten. Damit war ich noch mehrere Male ähnlich erfolgreich. Sowohl einige Isländer als auch viele Touristen, sogar deutsche, nehmen Tramper mit und fahren sie gerne an ihren Zielort, wenn er einigermaßen auf der Strecke liegt. Sorgen gemacht habe ich mir nur einmal - als eine ältere Frau meine Fahrerin war, die die ganze Zeit nur davon redete, dass es doch viel zu gefährlich sei, an der Straße zu stehen, und dass ich doch lieber den Bus nehmen solle. Sie konnte mich auch nur ein Stück mitnehmen und da sie mir partout nicht abnehmen wollte, dass ich schon mit jemand anderem weiter kommen würde, setzte ich mich brav an die Bushaltestelle und wartete, bis sie weg war. Kurz darauf fuhr mich jemand anders ans Ziel.

Leider ist der Erfolg beim Trampen abhängig von ungefähr allem, im Wesentlichen von der Straße und der Uhrzeit. Auf welchen Straßen viele Anhalter fahren und auf welchen wenige, findet man allerdings nur durch Ausprobieren heraus - so war ich auf der Straße nach Þingvellir immer sehr schnell erfolgreich, auf der Straße nach Gullfoss, einem ähnlich touristischen Ort, bin ich aber dermaßen gescheitert, dass mir die Lust komplett verging. Stundenlang hielt niemand an und am Ende ließ ich mich wieder in die Hauptstadt zurück fahren, statt wie geplant weiter ins Land zu fahren, um dort mein Zelt aufzuschlagen.

Das mit dem Zelt hatte in der Nacht zuvor noch einigermaßen geklappt. Die Strecke, die ich abwechselnd entlang fuhr und wanderte, führte durch eingezäuntes Weideland, aber nach einigen Kilometern fand ich das Haus des Besitzers, der mir freundlicherweise gestattete, in seinem Garten zu zelten. Wohlgemerkt: Er sprach gar kein Englisch, sein Sohn musste übersetzen! Ein klares Zeichen für die Gastfreundlichkeit der Isländer, schließlich hätte er mich auch wegjagen können.

So endete meine kleine Reise etwas enttäuschend, aber zu dem Zeitpunkt war ohnehin schon klar, dass meine Kondition für eine fast einwöchige Wandertour noch nicht gut genug ist. Und einige andere interessante Menschen habe ich immerhin noch getroffen - zum Beispiel den Piloten im Ruhestand, der überwiegend in Luxemburg gelebt hat und besser Deutsch sprach als die Stuttgarter mit dem Wohnmobil Englisch. Oder die Isländerin, die mal in München war und nach deutschen Landschaften gefragt hat. Nicht zu vergessen der Typ mit dem fetten Soundsystem, der mir isländische Partymusik und Gabba näher bringen wollte und dabei Rockklassiker einstreute. Unterhaltsame Erlebnisse, die ich nicht missen möchte - und Gründe, sich von dem Gedanken zu lösen, dass alle Menschen böse sind, denn unsicher gefühlt habe ich mich nie.



Mit dem Rad von Couch zu Couch

Letzte Woche war ich für ein paar Tage auf Radtour in Ostfriesland. Winterreifen auf dem Rad, flaches Land, nette Leute, was kann da schon schief gehen - dachte ich. Verschiedene Ziele steckten hinter der Reise. Erreicht habe ich sie alle - die Verteilung hätte etwas anders sein dürfen.

Landschaftsfotografie

Na klar, viel Gegend, wenig Orte und wenn, kleine Dörfer. Wobei ich mir mit Leer, Moormerland, Aurich, Augustfehn und Bad Zwischenahn noch einige der größeren ausgesucht hatte, von Oldenburg am Ende mal ganz abgesehen. Aufgrund immer wieder einsetzenden Regens und anderweitig schlechten Wetters habe ich allerdings viel weniger fotografiert als geplant. Für ein paar tolle HDR-Aufnahmen hat es trotzdem gereicht. An einem Nachmittag fuhr ich mit W. mit dem Rad von Oldenburg nach Dreibergen, wir starteten im strahlenden Sonnenschein, aber der Wetterbericht hatte Eisregen vorhergesagt. "Im Norden kann der auch noch kommen", dachten wir... und behielten Recht.

Radfahren

Durch den Fahrradmietservice Nextbike hatte ich letzten Herbst das Radfahren wiederentdeckt, als ich nachts nach der Arbeit dank einem geliehenen Fahrrad relativ schnell nach Hause kam. In der Dortmunder Innenstadt erreicht man viel zu Fuß und mit dem Rad dann alles. Öffentliche Verkehrsmittel sind kaum nötig, ein Auto schonmal gar nicht.

In Ostfriesland gibt es zwar viele anständige Radwege, aber auch viel Wind und viel Dunkelheit. So scheiterte ich nicht nur einmal an einer für Fahrradfahrer unbenutzbaren Bundesstraße. In der ersten Nacht - mein Licht war im Zug kaputt gegangen - fuhr ich eine komplett unbeleuchtete Straße entlang, später in Bad Zwischenahn mehrere Kilometer durch den Wald. Ein Hoch auf die Taschenlampen-App für das Tablet. "Bist du an der soundso-Straße?" - "Ich hab keine Ahnung, es ist stockfinster!" :D

Daumen runter hingegen für alle Arten von elektronischer Navigation ("wenn möglich, bitte wenden!!!"). Bei meinem TomTom-Autonavi versagte der Akku viel zu schnell, bei allen Navi-Apps für Android auf dem Tablet tauchten immer wieder Bundesstraßen auf. Größere Umwege zugunsten meines Lebens sind offenbar keine Option für die App-Entwickler. So wurde ich dann zweimal eingesammelt, was die gefahrene Strecke recht deutlich reduzierte. Einmal nachts in Moormerland, als kein Zug mehr fuhr, und in Hesel auf dem Weg nach Aurich quetschten wir mein Fahrrad in K.s Corsa. Vielen Dank nochmal für diese Aktion! hahahah

Wenn man eine vernünftige Strecke kennt, kann man aber wirklich sehr schön Radfahren. Mit W. fuhr ich nach Oldenburg und zurück, insgesamt gut 30 Kilometer, größtenteils an einer Bahnstrecke entlang, abseits der Straßen. Wunderbar zu fahren, ruhig, entspannt und sicher - und landschaftlich schön.

Grenzerfahrungen

Landschaftlich schön ist die Gegend, durch die ich auf dem (planmäßigen) Weg von Aurich nach Leer fuhr, bestimmt auch. Für mich war sie vor allem dunkel, eisig kalt, menschenleer und unfassbar groß. Schon auf dem Weg nach Aurich fuhr ich fünf Kilometer über eine Bundesstraße, die aber immerhin einen Seitenstreifen hatte (trotzdem ein Erlebnis, das niemand braucht). Von Aurich nach Leer ging es dann über eine ähnlich dicht befahrene Landstraße ohne Seitenstreifen - das war zwar sogar offiziell beschildert als Radweg nach Leer, aber so gefährlich, dass ich bei nächster Gelegenheit abgefahren bin. Leider konnte ich das Navi nicht motivieren, mich eine alternative Strecke entlang zu lotsen, so dass ich erstmal drauflos fuhr, auf einen Radwegweiser hoffend.

Stattdessen gab es Gegenwind, so stark, dass ich schlicht umfiel mit dem Rad. Fahren nicht möglich, also schieben - und noch irgendwas mit knapp 30 Kilometer bis Leer. Auf dem Radwegweiser zwei Kilometer weiter stand Leer allerdings gar nicht mehr drauf - da war mir schon so weit alles egal, dass ich einfach Richtung Emden fuhr, mit schwindendem Akku, schlechtem Licht und bei einbrechender Dunkelheit. Das war zwar von der Richtung völlig falsch, aber immerhin gibt es dort auch einen Bahnhof...

Also erst an Feldern entlang, durch ein Waldstück, an einem einsamen Haus vorbei und schließlich parallel zur Autobahn - und plötzlich war der Radweg zu Ende. Irgendwo gab es eine Abzweigung und mit Blick auf das GPS hatten die Radwegschildschreiber wohl vorausgesetzt, dass man dort automatisch langfährt, auch ohne weiteren Hinweis ("hier abbiegen, nicht erst einen Kilometer Richtung Sackgasse fahren"). Da war es inzwischen völlig dunkel geworden, die Gegend wirklich vollkommen (!) menschenleer und die Situation an Gruseligkeit kaum zu überbieten.

Nach insgesamt 4,5 Stunden erreichte ich dann allerdings doch noch den Emdener Bahnhof und dort auch direkt einen Zug... durchgefroren, ohne Fahrkarte und ohne jede Ahnung, wieso ich noch nicht den Verstand verloren hatte. Danach war dann das Warten am Bahnhof Bad Zwischenahn und die Fahrt durch den dunklen Wald auch nicht mehr schlimm...

Menschen treffen

Couchsurfing ist grandios! Wegen diverser Probleme hatte ich die Reise im Dezember absagen müssen, aber alle drei Gastgeberinnen hatten angeboten, mich trotzdem aufzunehmen, wenn ich die Reise letztlich antrete, was bei zwei nun auch geklappt hat. Und - es ist tausend Mal besser als jede andere Übernachtungsgelegenheit. In Brighton habe ich schonmal mit Bed & Breakfast übernachtet, das war auch schon angenehmer als ein Hotel, aber nicht halb so persönlich wie Couchsurfing.

Klar ist es auch eine praktische Möglichkeit, günstig zu reisen, aber wenn man seine Gastgeber vorher sorgfältig aussucht, hat man auch die Gelegenheit, wunderbare Menschen zu treffen. Mit K. lernte ich im Schnelldurchlauf Aurich kennen, wir kochten und schauten "Die fabelhafte Welt der Amélie" und fuhren ans Meer (und fielen fast rein, weil es da schon so windig war). Zwischendurch trafen wir Ulli, leider nur kurz, weil sie bald weiter musste. Bei W. lernte ich etliche Stunden später heißen Tee zu schätzen, genoss die Ruhe auf dem Dorf und lernte eine WG in Oldenburg kennen, die mit aller Selbstverständlichkeit Containern geht.

Eigentlich ist das Internet schon länger eine gute Möglichkeit, Menschen kennen zu lernen, die anders leben als man selbst. Aber heutzutage nutzt niemand mehr *VZ und Facebook ist zwar gut geeignet, um mit Leuten in Kontakt zu bleiben, aber nicht so brauchbar, um neue Leute zu entdecken. Bei Couchsurfing funktioniert das besser. Irgendeinen Bezug zu seinem "Host" hat man immer, durch das gemeinsame Wohnen hat man meist viel Zeit, sich auszutauschen, und obendrein besteht auch die Möglichkeit, direkt noch mehr Leute aus der gleichen Gegend zu treffen (wie die WG aus Oldenburg, die auch selber Couchsurfer aufnehmen).

Mir hat's jedenfalls riesigen Spaß gemacht, trotz der kurzen Zeit und der Tatsache, dass ich am Ende krank war. Spätestens im Mai bin ich wieder auf Reisen, nach Berlin zum Yeah Yeah Yeahs-Konzert - dort gibt es sicher viele Couchsurfer, aber vermutlich auch viele, die dort hin wollen. Mal schauen was sich daraus ergibt. hahahah