Konzertheld.de

Umwege verbessern die Ortskenntnis

Zufällige Artikel

Ausgewählte Infos

Was heißt Angst um sein Leben haben? Eine der Fragen, die ich mir zurzeit am häufigsten stelle, und auch eine derjenigen, die mich am meisten bewegen, lautet: Wie schlimm muss es dort sein, wo viele Flüchtlinge herkommen, dass sie mit wenig Informationen und keiner Habe aufbrechen in ein Land, das sie nicht kennen, auf einem Weg, auf dem die Überlebenschance möglicherweise kleiner als 50% ist?

Einer der prägendsten Momente in diesem Jahr war für mich meine erste Fahrt von Jerusalem nach Palästina (genauer Ramallah) am dritten Tag meiner zweiwöchigen Israelreise. Es gab dort einen richtigen Grenzübergang - so einen, wie ihn hierzulande viele nicht kennen. Eine Mauer wie zu DDR-Zeiten trennt Palästina von Israel, am Grenzübergang gibt es Stacheldraht, Soldaten mit Maschinengewehren und strenge Kontrollen. Ich wusste, dass mir als Tourist nichts passieren wird, trotzdem war es ein schlimmes Gefühl, mit den Palästinensern in der Schlange vor dem Drehkreuz zu stehen und mich dann hastig dort durch zu quetschen.

Für mich als Deutschen war es vermutlich schon mutig und aus Sicht nicht weniger Menschen sogar lebensmüde, nach Israel zu fliegen. Dabei war die Lage zu der Zeit sehr friedlich - es fühlte sich eigentlich eher wie das sicherste Land der Welt an als wie ein Land im Krieg, nicht zuletzt durch die entspannte Mentalität der Israelis. Von aufheulendem Fliegeralarm lässt man sich dort nicht so leicht abschrecken. Ich habe mich schon nicht nach Hebron getraut, den wohl umkämpftesten konfliktreichsten Ort in Palästina. Andere Backpacker berichteten mir, man würde als Europäer dort hinfahren, weinen, weil es so schlimm ist, und zusehen dass man wieder weg kommt.

Einer meiner neuen Kommilitonen kommt aus Hebron. Er studiert mit mir Biomedizintechnik an der TU Chemnitz. Er lebt seit zwei Jahren in Deutschland, spricht beeindruckend gut unsere Sprache und abgesehen von eben der unterscheidet ihn nichts von den anderen. Fast jeder von uns hat eine interessante Hintergrundgeschichte. An der Uni hat niemand ein Problem mit Einwanderern. Wir haben gerade unsere Flyer für die nächste Mensa-Spielenacht auf Englisch und Arabisch übersetzt und wollen einige in der Uni-Sporthalle verteilen, die zurzeit ein Flüchtlingslager ist.

An anderen Stellen in der Stadt gibt es Widerstand. Bürger blockieren Straßen mit Autos. Eine Gruppe von 200 Flüchtlingen weigert sich, eine weitere Turnhalle zu beziehen, statt direkt auf Wohnungen zu verteilt werden. Kirchengemeinden bieten Hilfe an, nachts werden Scheiben eingeworfen. Chemnitz ist eine politisch recht neutrale Stadt, viele hier sind hilfsbereit, das Rote Kreuz kann sich erlauben, allzu lumpige Kleiderspenden abzulehnen. Einige jedoch sind feindselig und richten direkt großen Schaden an.

Pauschalisierungen helfen niemandem. Es gibt nicht die Deutschen, Sachsen, Chemnitzer, es gibt nicht die Flüchtlinge. Nicht alle fremdenfeindlichen bezeichnen sich als Nazis, aber viele sollten so behandelt werden. Nicht alle Flüchtlinge sind dankbar und brav, die meisten schon. Nicht alle Forderungen, die zurzeit die Runde machen, sind dumm, aber oft sind die Argumente falsch. Wir haben inzwischen alle gesehen, dass die Menge der Asylbewerber zu schnell ansteigt, um sie in einem vernünftigen Rahmen zu bearbeiten. Pauschal alles zu verurteilen, was nicht "wir nehmen sofort jeden auf, der vor der Grenze steht", bringt niemanden weiter, aber es mangelt an Lösungen, wie die Menschenmassen gehandhabt werden können.

Letzte Woche habe ich Imagine Dragons gesehen. Die kommen aus den USA, und sie haben nicht nur spontan einen Song zur Flüchtlingsthematik geschrieben und aufgeführt, sie haben auch ihren ehrlichen Respekt für Deutschland ausgesprochen. Der Einsatz, der hier gezeigt wird, um Menschen in Not zu helfen, sei vorbildlich für die ganze Welt, und die USA sollen sich daran ein Beispiel nehmen.

Das ist ein verdientes Lob. Auf Bundesebene glänzt die Politik nicht gerade mit tollen Ideen und die Frage, wie die Verteilung und Unterbringung von immer neuen Flüchtlingen gelöst werden soll, ist immer noch offen. Dort, wo die Unterkunftsfrage geklärt ist, zeigen sich aber Hilfsbereitschaft und Integrationswille: Sachspenden werden gesammelt und verteilt, Sprachkurse und Dolmetscher organisiert, Freizeitangebote geschaffen um die Menschen auch mal aus den Turnhallen heraus zu bekommen. In der Chemnitzer Studentenszene fallen viele von ihnen gar nicht auf - es sind Menschen, die in Supermärkten einkaufen, auf der Straße nach dem Weg fragen, sich für Fußball und Musik interessieren und Bier trinken. Flüchtlinge tragen kein Schild um den Hals, und wenn wir ihnen keinen Stempel aufdrücken, wird unsere Gesellschaft bloß ein bisschen bunter.

Feldbetten in dichten Reihen in einer TurnhalleDankenswerterweise ist meine Facebook-Freundesliste offenbar nazifrei. Keine bösen oder dummen Kommentare, wenn ich etwas flüchtlingsfreundliches schreibe oder teile, dafür jede Menge Leute, die sich über Nazis, Dummnazis und Mitläufer aufregen und allerlei Aktionen zum Thema Flüchtlingshilfe teilen. Ich möchte auch hier kurz Stellung beziehen dazu, denn quasi direkt vor meiner Tür ist die ganze Problematik sehr greifbar geworden.

Die Sporthalle der TU Chemnitz ist zurzeit ein Flüchtlingslager, man möge sich bitte vorstellen, dort, wo normalerweise Badminton gespielt und Yoga geturnt wird, schlafen und "wohnen" nun Menschen (das Bild zeigt den Aufbau der Behelfsunterkunft). Und "leben". Verbringen einen Tag nach dem anderen dort. In einer fucking Sporthalle. Da ist wirklich nichts dran toll, außer, dass ihr Leben nicht bedroht ist. Ich denke, das können wir ihnen guten Gewissens lassen.

Was hier in der Uni-Sporthalle passiert, ist nur eine Notlösung für hoffentlich nur noch wenige weitere Tage. Normale, vorgesehene Flüchtlingsunterkünfte sind nicht ganz so notdürftig, denn sie müssen für mehrere Monate halten. Asylverfahren sind kompliziert und langwierig, denn sie sollen gerecht sein. Durch die große Menge an Flüchtlingen müssen jedoch immer wieder vorübergehende Notunterkünfte wie diese geschaffen werden. Die Resonanz darauf zeigt, dass in diesem Land immer noch viele Menschen leben, die hilfsbereit sind und gerne Menschen in Notlagen unterstützen. Dazu möchte ich euch eine kurze Reportage ans Herz legen, die aus meiner Heimatstadt Gelsenkirchen kommt. Lasst euch nicht von der einleitenden Erklärung des Formates abschrecken - es handelt sich nicht um ein langes Video, sondern lediglich um einen modern gestalteten Artikel.

Hauptschule wird über Nacht ein Flüchtlingsheim - multimediale Reportage

So kann es laufen. Ich finde, das sind beruhigende Eindrücke in einer Zeit, in der Menschen, die praktischerweise in diesem Land in Frieden geboren wurden, Gebäude anzünden, Steine werfen und denen, die außer Hoffnung nichts mehr haben, auch noch die Hoffnung nehmen.

Bildquelle: Mario Steinebach via Pressemeldung der TU Chemnitz

Der 5. März ist der Jahrestag der Zerstörung von Chemnitz im größten Bombenangriff auf die Stadt im zweiten Weltkrieg und heute auch der Chemnitzer Friedenstag. So wie die Neonazi-Szene in Chemnitz diesen Tag nutzt, um für ihre Politik zu demonstrieren, nutzen ihn auch zahlreiche Gegendemonstranten, um ein Zeichen zu setzen, dass braune Ideologien hier im 21. Jahrhundert nicht mehr erwünscht sind.

Auch die Uni hatte anlässlich des Friedenstages zur Demonstration aufgerufen und so versammelten wir uns am Nachmittag vor der Mensa. Mit Bildern aus Hamburg, Frankfurt und Istanbul vor Augen wirkte der Platz reichlich leer - mit den ersten Meldungen von 20, 30 gesichteten Nazis nicht mehr. Etwa zehn Mal so viele Studenten zogen dann mit lauter Musik und Seifenblasen die Hauptstraße hinunter bis zum Südbahnhof, wo wir auf die im Zentrum gestartete Demo trafen und in Richtung der angemeldeten Nazi-Route abknickten. Die Musik war gut, die Moderatorin extrem entspannt und so war der Fußmarsch zum Kundgebungsort sehr entspannt.

Mit mehr lauter Musik positionierte unser Wagen sich dann am seeehr frühen Abend am Kundgebungsort, wo sich nach einer Weile die Anzeichen verdichteten, dass nichts Großartiges mehr passieren würde. Wir standen hinter den Gittern, die die Nazi-Route sichern sollten, aber an anderer Stelle hatte sich bereits eine Sitzblockade gebildet, so dass mit dem Eintreffen der rechten Demonstranten nicht mehr zu rechnen war. Also schlossen wir uns bei nächster Gelegenheit dem Aufruf an, die Sitzblockade zu unterstützen.

Nun hat so eine Sitzblockade zunächst einmal sehr viel mit Sitzen zu tun und dann auch mit Warten. Vielleicht 200 Menschen, ein Großteil von der DGB1-Jugend, verstopften dort eine Kreuzung, bewacht von ausgesprochen friedlicher Polizei. (Radio Chemnitz spricht von 700 Personen, bezieht dabei aber die anderen Demonstranten entlang der Naziroute mit ein.) Die gab uns dann nach und nach zu verstehen, dass wir kein Recht auf die Blockade haben, sondern im Gegenteil die Nazis als angemeldete Demo ein Recht darauf haben, den Weg zu passieren. Passend dazu gab's natürlich entsprechende Kommentare von den Sprechern der DGB-Jugend - Verhalten im Fall einer Räumung und natürlich die Aufforderung, nicht einfach abzuhauen.

Als dann durchsickerte, dass es vielleicht doch 200 und nicht 20 Nazis sind und die Hundertschaft der Polizei in schwarzen Schutzanzügen und Helmen anrückte und auf und ab patroullierte, kam auch langsam die Frage auf, ob wir wohl tatsächlich von uniformierten Beamten von der Straße entfernt werden würden, und ob es wohl Eskalationen mit den Nazis geben würde. Da es in den letzten Jahren aber Schlägereien und Überfälle gegeben hatte, war schnell klar, dass letzteres auf jeden Fall vermieden und die NPD-Demonstration auch nicht über dunkle Seitengassen umgeleitet werden würde. Also saßen wir weiter auf Zeitungen, Decken und aufeinander, warteten und brüllten Parolen, bis die Anwohner aus dem Fenster guckten.

Und wie wir so warteten, rätselten, warum die Polizisten wohl Kreuze auf der Uniform tragen, und wilde Schätzungen über Anzahl der Polizisten und der Nazis und den Einsatz von Schlagstöcken und rechter Gewalt anstellten, passierte - nichts. Bis es irgendwann hieß, dass die Nazi-Demo umgekehrt sei - auch auf deren Seite bestand wohl kein Bedarf an Eskalationen, so dass die rechte Szene schlicht und ergreifend umgekehrt und nach Hause gefahren war. Unsere Sitzblockade war inzwischen vollständig eingekesselt, aber bevor die ersten Leute ernsthaft schlechte Laune bekamen, durften wir geordnet in Richtung Hauptstraße abreisen.

So unspektakulär wie die Aktion damit im Vergleich mit ausartenden Demonstrationen in anderen Städten verlaufen war, so erfolgreich kann sie bewertet werden. Ich fühle mich jedenfalls an eine Demo im Westen erinnert, bei der es regnete und die zwei Dutzend Nazis sich unter einer Bushaltestelle unterstellten, während hunderte Gegendemonstranten unterwegs waren. Und während es dort zu scharfer Kritik am Vorgehen der Polizei kam, kann man hier nur Respekt zeigen für die ruhige Sachlichkeit der Beamten. Deren bewusste Neutralität war zwar zuweilen seltsam oder nervig, aber als Hüter der Ordnung und Sicherheit haben sie heute einen guten Job geleistet.

Damit ist 2014 das zweite Jahr, in dem die Gegendemos den Aufmarsch der Neonazis in Chemnitz massiv behindert haben. Ein schönes Zeichen für eine Stadt im Umbruch, die nicht nur auf Häuserruinen, sondern auch auf braune Politik keine Lust mehr hat.

  1. Deutscher Gewerkschaftsbund

Beim Anblick der Nachrichten könnte man meinen, es gäbe nur noch Schlechtes in der Welt. Jeden Tag lesen wir von Naturkatastrophen, Kriege, Missachtung von Menschenrechten, Ausnutzung von Macht. Lichtblicke gibt es aber auch und ich finde, wir sollten uns daran festhalten und die Welt nicht immer nur schwarz sehen.

  • Politisch: Deutschland ist auf einem ernsthaften Weg zum Atomausstieg. Ein Problem, für das nie eine Lösung gefunden wurde, als solches zu erkennen und Konsequenzen zu ziehen - das hätte manch einer der Regierung nie zugetraut.
  • Ebenso politisch, aber schon älter: Wer erinnert sich noch an Zensursula? Nach einer erfolgreichen Petition hat der Bundestag eingesehen, dass es besser ist, Websites mit illegalen Inhalten löschen zu lassen statt sie nur zu verstecken.
  • Thema Verbraucherverarsche: So schlimm ist es gar nicht. Akkulaufzeiten bei Notebooks (Lenovo), Spritverbrauch bei Autos (VW) - dort wird gar nicht immer übertrieben. Die Sache mit den Chipstüten und der Luft ist sowieso Blödsinn, wer sich von der großen Verpackung täuschen lässt, hat selber Schuld, und die Luft schützt obendrein die Chips vor dem Zerbrechen. Und mein Waschmittel schafft sogar deutlich mehr Waschladungen als angegeben.
  • Service über die Pflicht hinaus: Bilora tauscht Fotozubehör aus Kulanz (zumindest gelegentlich) sogar nach Ablauf der Garantiezeit und ohne Rechnung, und für meine defekten Lautsprecher erhalte ich gerade anstandslos Ersatz - ohne Rücksendung der defekten Ware.
  • Und auch bei den ach so verhassten Managern gibt es Lichtblicke. In der Finanzkrise haben mehrfach Top-Manager auf ihre Bonuszahlungen verzichtet und bei Lenovo ließ der Vorstandschef seinen Bonus an die Mitarbeiter auszahlen.

Mit der sukzessiven Ausrottung der Glühbirne durch die EU, beginnend im Jahr 2009, teilte sich Deutschland einmal mehr in seine natürlichen Elemente: Die Spieß- und die Wutbürger. Die Spießbürger tauschten vom Keller bis zum Dachboden alle energiehungrigen Glühbirnen durch schöne, neue Kompaktleuchtstofflampen aus. Sie leben seitdem bis heute glücklich im fahlen Licht der Gasentladung. Die Wutbürger hingegen begannen damit, Glühbirnen zu horten. Als auch das nichts mehr half, sprangen die großen Leuchtmittelproduzenten den Wutbürgern bei und produzierten Halogenleuchtmittel in der Form von guten, alten Glühbirnen. Nur die Mattierung des Glaskörpers war für immer verloren. Doch auch die Spießbürger fanden in ihrem innersten keine Symapthie für die Energiesparlampe. So vereinten sich Spieß- und Wutbürger aufs Neue zur gemeinsamen Abwehr weiterer irsinniger Verordnungen aus Brüssel. Gemeinsam schaffte man es, das Ölkännchen-Verbot zu kippen.

Doch nicht immer war man erfolgreich. Denn im Gegensatz zum Einmal-Öl-Portionierer wird der Energiespar-Staubsauger tatsächlich kommen: Ab September 2017 dürfen Staubsauger dann nicht mehr als 900 Watt verbrauchen. Von September 2014 bis August 2017 gilt eine gnädige Übergangsregelung, die die Nennleistung auf 1600 Watt begrenzt. Die Spieß- und die Wutbürger sind mittlerweile jedoch ein eingespieltes Team. Während die Wutbürger bereits planen, wie man Energiespar-Staubsauger mit Flugzeugturbinen nachrüsten kann, lesen die Spießbürger die entsprechende EU-Verordnung und rechnen aus, ob die Verlängerung der Saugzeit durch die Verminderung der Saugkraft nicht sogar zu einem Anwachsen der Energiekosten führt.

In der EU hingegen ist man hingegen schon viel weiter. Weitgehend unbeobachtet von der Öffentlichkeit denkt man dort bereits einmal mehr über die Verordnung von Wasserspar-Duschköpfen nach. Für Deutschland bedeutet das möglicherweise einen Anstieg der Wasserkosten, da durch einen verringerten Wasserverbrauch die Leitungen öfter gewartet werden müssen. Aber darum kümmern sich sicherlich zu gegebener Zeit die Spieß- und die Wutbürger.

 1 2 3 4 Älter »

Icons by http://www.famfamfam.com/lab/icons/silk/

Photo copyright by me unless noted