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Kaum ein Thema aus dem alltäglichen Geschehen sorgt so häufig für Frust, Wut und Verständnislosigkeit bei mir wie der Straßenverkehr. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich mit dem Fahrrad durch die Stadt fahre und dabei nicht mindestens einmal gefährdet werde. Jeden Tag berichten die Lokalnachrichten über Unfälle mit Personen- oder Sachschäden. Ich weiß nicht, woher es kommt, dass in Chemnitz ständig Autos angezündet werden, aber Wut über die durch Autofahrer verursachten Gefahren scheint mir ein plausibles Motiv zu sein.

Abgesehen davon, dass es einfach viel zu viele Menschen gibt, die von ihrer Persönlichkeit her Arschlöcher sind, gibt es auch eine Reihe von Dingen, gegen die man etwas tun könnte. Erstens, am Wochenende hat ein Rentner eine Fußgängerin schwer verletzt und eine Mauer gerammt, weil er Gas- und Bremspedal verwechselt hat. Ich verstehe bis heute nicht, wieso Führerscheine kein Ablaufdatum haben. Ich habe meinen jetzt bald acht Jahre, bin aber in den letzten vier Jahren fast gar nicht Auto gefahren und mit Sicherheit bin ich dadurch kein besserer Fahrer geworden. Sowohl mangelnde Fahrpraxis als auch altersbedingt höhere Reaktionszeiten, verminderte Konzentrationsfähigkeit und unüberlegteres Verhalten in Extremsituationen sind eine enorme Gefahr. Führerscheine sollten regelmäßig erneuert werden müssen. Für manche Fahrzeugklassen ist das längst so - auch für normale PKW sollte eine solche Regelung eingeführt werden. Führerscheindaten sind zentral erfasst, es müssen also keine Kontrollen durchgeführt werden, um festzustellen, wer seinen Führerschein nicht erneuert hat.

Was uns zu zweitens führt, man würde dadurch möglicherweise mehr ungültige Führerscheine verursachen, was aber ja erstmal natürlich niemanden davon abhalten muss, trotzdem zu fahren. Mehr allgemeine Fahrzeugkontrollen sind also angesagt, um generell mehr Fahrer ohne gültige Fahrerlaubnis oder mit Alkoholeinfluss zu erwischen. Bei kommerziellem Verkehr, vor allem LKW und Fernbusse, sind diese Kontrollen in den letzten Jahren drastisch verschärft worden, das sollte auch für PKW erfolgen, und zwar beginnend bei, drittens, Geschwindigkeitskontrollen. Es ist mir völlig unbegreiflich, wieso Blitzerstandorte im Radio bekannt gegeben werden dürfen, und wieso nicht jede Stelle, die regelmäßig von mobilen Blitzern besetzt wird, einen festinstallierten Blitzer bekommt. Überhöhte Geschwindigkeit ist eine große Gefahr. Auch Straßen, die wegen des hohen Verkehrsaufkommens tagsüber kein zu schnelles Fahren ermöglichen, sollten ausgestattet werden - da viele davon nachts zum Rasen verleiten, wodurch regelmäßig Personen zu Schaden kommen.

Überhaupt, hohes Verkehrsaufkommen. Viertens, wütende Autofahrer sind unkonzentrierter und risikobereiter als ausgeglichene Fahrer. Eine typische Kreuzung auf meinem Weg zum Supermarkt ist eine klassische Vorfahrt-Achten-Kreuzung mit einer vielbefahrenen Hauptstraße. Man hat dort kaum eine Chance, diese Hauptstraße zu überqueren, teilweise wartet man minutenlang. Ich beobachte dort regelmäßig, wie Autofahrer, wenn endlich eine halbwegs brauchbare Lücke entsteht, das Gas durchtreten und ohne Rücksicht auf alles andere über die Kreuzung brettern, nicht selten nur haarscharf an einem schweren Unfall vorbei. Solche Kreuzungen sollten dringend durch Ampeln mit Anforderungskontakt entschärft werden. Ebenso halte ich die bessere Verbreitung von Rechtsabbieger-Grünpfeilen in Westdeutschland für sinnvoll, da diese in Sachsen viele Kreuzungen deutlich entlasten.

Zu guter letzt ist die bloße Menge der Fahrzeuge ein Problem. Die Innenstädte sind überlastet, selbst wenn man Gefahrensituationen so gut es geht verhindert, gibt es immer noch massive Probleme mit Staus. Radfahren muss attraktiver werden. Jeder hätte gerne einen Firmenwagen, wie wäre es mit Firmenfahrrädern? Wer einigermaßen sportlich ist und über ein gutes Fahrrad verfügt, kann locker 10km zur Arbeit fahren, und selbst ein sehr gutes Fahrrad kostet nur einen Bruchteil eines Autos sowohl in der Anschaffung als auch im Unterhalt. Das ist natürlich ein ganz anderer Ansatz als die Firmenwagen (die ja meistens auch zur Ausübung des Berufs rege genutzt werden), aber möglicherweise eine interessante Förderung und vielleicht auch ein Anreiz, in die Nähe des Arbeitsortes zu ziehen.
Ebenso trägt ein gut funktionierender öffentlicher Nahverkehr zur Entlastung der Straßen bei. Das ist nun wirklich ein altes Argument und gerade in Chemnitz funktioniert das auch schon ziemlich gut. Es mangelt aber noch am Bewusstsein der Bevölkerung, dass ein Leben sogar ganz ohne Auto in der Stadt gut funktionieren kann. Denn viele werden den Gedanken haben, wenn ich eh schon ein Auto besitze, warum dann noch eine Monatskarte für den Bus kaufen? Mit der Kombination aus Bus, Bahn und Fahrrad lässt sich nahezu alles erledigen, wofür man sonst ein Auto gebraucht hätte, und bei Ikea mietet man sich dann eben kurzzeitig einen Transporter. Meine Nachbarn scheuchen eh schon ihre Kinder zum Einkaufen - auf ein Fahrrad passt ein Wocheneinkauf für zwei Personen, zu dritt würde man die ganze Familie versorgen.

Letztlich ist dieser Bewusstseinswechsel wohl das Wichtigste für eine langfristige Verbesserung der Verkehrssituation. Oft werde ich schockiert angesehen, wenn ich erzähle, dass ich für mein Fahrrad natürlich auch einen Satz Winterreifen habe und auch bei Schnee und Eis fahre. Umgekehrt verstehe ich genauso wenig, wie man sich um der scheinbaren Bequemlichkeit des Autos willen in den Berufsverkehr stürzen kann (den ich mit dem Fahrrad einfach umgehen kann). Autofahren hat einige Nachteile, bei denen mir jeder zustimmen wird, aber auch die Vorteile sind nicht alle so toll, wie es scheint. Umdenken ist notwendig. Wer wünscht sich nicht weniger Unfälle, weniger Lärm und weniger Kosten?

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Foto von davidbenito unter CC-BY-SA-2.0

Viele Fahrradfahrer auf einer StraßeDas Fahrrad ist wohl das Verkehrsmittel, das am Wenigsten ernst genommen wird, vorgesehen für Leute ohne Geld und mit zu großem Umweltbewusstsein. Das ist natürlich Quatsch, alleine schon weil niemand etwas dagegen haben wird, Geld zu sparen und die Umwelt zu schonen. Aber auch ganz praktisch hat das Fahrrad in der Stadt gravierende Vorteile.

Wer ein vernünftiges Fahrrad fährt und keinen klapprigen Drahtesel, kann durchaus auch Zeit sparen. Dabei rede ich nicht von Fahrrädern für mehrere tausend Euro. Anständige Fahrräder von der Stange bekommt man schon für wenige hundert Euro, auch selber bauen ist eine Option (dazu später mehr in anderen Artikeln).

Hier ein paar Beispiele:

  • Zu Kaufland benötigt man von meiner Wohnung 7 Minuten mit dem Auto, 9 mit dem Rad. Mit dem Bus braucht man deutlich länger.
  • Zum Probenraum sind es 12 mit dem Auto, unter 20 mit dem Rad, je nachdem wie schnell man auf der freien Strecke fährt - denn als Radfahrer kann man den ampel- und kreuzungsfreien Chemnitztalradweg nutzen. Der Bus braucht auch hier länger als beide Varianten.
  • Auch auf dem Weg zum CVJM, der auf einem der höchsten Punkte der Stadt liegt, bin ich mit dem Fahrrad schneller als der Bus.

Mein bisheriger Geschwindigkeitsrekord liegt bei 49,6km/h, 30km/h auf ebener Strecke sind realistisch. Da wird man in Wohngebieten sogar von Autos nicht mehr überholt.

Die BikeCitizens, die auch die Fahrradhalterung Finn vertreiben, haben ihrem Kartendienst eine Funktion hinzugefügt, die sehr schön darstellt, wie weit man in seiner Stadt in einer bestimmten Zeit bei einem bestimmten Fahrstil mit dem Fahrrad kommt. Ich schaffe es in 30 Minuten bis an den äußersten Stadtrand. BikeCitizens Maps

An dem Argument des Geldsparens ist natürlich auch was dran. In der Anschaffung liegt ein Fahrrad mehrere Größenordnungen unter Gebrauchtwagen. Werkstattbesuche sind auch 2015 noch überflüssig, alle Teile kann man mit einer anständigen Werkzeugkiste selber warten und austauschen. Ersatzteile kosten größtenteils unter 50€, auf jeden Fall aber unter 100€. Steuern fallen keine an, lediglich die Versicherung fällt relativ zum Kaufpreis meistens recht teuer aus. Und das Konzept der effektiven Geschwindigkeit finde ich auch interessant.

Am meisten freue ich mich über das Fahrrad im Berufsverkehr. Zwar muss man dann mit aggressiven Autofahrern kämpfen (wer die Nerven schonen will, fährt dann lieber Bus). Aber ein Fahrrad passt an jeder langen Autoschlange vorbei - der Zeitvorteil in der Stadt wird also immer größer, je dichter der Verkehr ist. Auch Parkplatzsorgen gehören der Vergangenheit an (auch wenn man an belebten Orten wie der Uni durchaus auch mit dem Fahrrad mal etwas suchen muss).

Ein beliebtes Argument für Autos ist nach wie vor die Möglichkeit, mehr zu transportieren. Wer es ernst meint mit dem Radfahren, verwendet ein Lastenrad und kauft auch für eine ganze Familie ein, aber auch mit einem Rucksack und einem normalen Fahrrad mit Fahrradtaschen oder einem großen Gepäckträgerkorb kann man den Wocheneinkauf für zwei Personen erledigen. Für ein paar Euro bekommt man außerdem Spanngurte, mit denen sich auch Reisegepäck bei Fahrradtouren oder Wasserkästen beim Einkauf transportieren lassen. In den paar Minuten, die die Montage benötigt, kreisen Autofahrer noch um den Block auf der Suche nach einem Parkplatz.

Auf dem Land oder in Kleinstädten mögen die Verhältnisse anders sein - ein Auto ist dort vielleicht in mehr Fällen notwendig. Aber gerade der Vergleich zum öffentlichen Nahverkehr wird dort erst recht stimmen, und letztlich ist es auch oft eine Frage der Bequemlichkeit. Wer Regen scheut oder es nur ein paar Minuten auf dem Fahrrad aushält, ist damit nicht gut beraten. Aber vernünftige Kleidung, etwas Training und im Winter Spikereifen (für Autos verboten, für Fahrräder erlaubt) schaffen meistens Abhilfe.

Fotoquelle: Frerk Meyer auf Flickr, lizensiert unter CC-BY-SA 2.0

Duisburg HBF (3).jpgWer für das Studium weit weg gezogen ist und hin und wieder seine Familie oder Freunde in der alten Heimat besuchen fährt, kommt nicht umhin, ein seltsames Phänomen zu bemerken: Es ist hierzulande ein Leichtes, 600 Kilometer für 20€ zurück zu legen, aber vorneweg noch 18€ für 60km zu zahlen und hintendran nochmal über 5€ für die letzten 20km.

Die Rede ist natürlich von dem Preisirrsinn im öffentlichen Nahverkehr, der seit dem stark wachsenden Fernbusangebot noch viel deutlicher geworden ist. Das obige Beispiel trifft unter Umständen auf diejenigen zu, die mich vom Ruhrgebiet aus in Chemnitz besuchen wollen: Die paar Kilometer von Gelsenkirchen nach Dortmund kosten zum dortigen Verbundstarif 5,30€, für 20€ kommt man mit dem Bus bis Leipzig (schwankt leicht, meist nach unten) und wenn man dann von Leipzig mit dem Zug nach Chemnitz fährt, fällt der normale Bahntarif an, der mit 17,40€ zu Buche schlägt.

Noch absurder wird es, wenn man es bis Gelsenkirchen schafft. Dann nämlich kostet bereits die Fahrt vom Hauptbahnhof zum Haus meiner Mutter 2,50€ (zum Vergleich: ein äquivalentes Ticket in Chemnitz kostet 2,00€).

Da ich eine Bahncard besitze und in Sachsen die Züge mit dem Uniticket kostenlos benutzen kann, trifft mich das Preischaos nicht so hart, trotzdem ist es absurd, dass bei einer Fahrt nach Hause 3% der Strecke 20% des Preises ausmachen. Auch wenn man nur die Deutsche Bahn nutzt, stehen die Preise in keiner nachvollziehbaren Relation: Der Normalpreis für die Strecke beträgt 101€, mit Sparpreisen mit schlechten Stornobedingungen und langen Vorlaufzeiten schafft man es runter bis 29€ und selbst die 1. Klasse ist als Sparpreis billiger - 89€. Die Bahn hat also längst verstanden, dass die Fahrgäste nicht immer den Normalpreis zahlen wollen, auch die mit Bahncard nicht.

Daher werden Sparpreise auch rabattiert, sodass mich eine Fahrt von Dresden nach Prag oder auch noch deutlich darüber hinaus (z.B. nach Hradec Kralove) mit Bahncard 25 nur noch 14,25€ kostet, eine Strecke, die halb so lang ist wie die nach Hause. Vergleicht man die Sparpreise, scheint das Verhältnis sogar zu stimmen, allerdings sind die Sparpreise nach Tschechien viel länger verfügbar als die ins Ruhrgebiet und bei 39€ für Paris - Chemnitz (knapp 1000km) ist eh alles wieder durcheinander.

Der VRR1 macht bei dem Gehampel nicht mit. Dort ist einfach (wie auch in vielen anderen Verbundgebieten) immer alles teuer. Fahrten innerhalb der Stadt pauschal 2,50€, in die Nachbarstadt und gelegentlich auch etwas weiter 5,30€ (besonders toll, wenn man nah an einer Stadtgrenze wohnt), die nächste Stufe kostet 11€ und von Gelsenkirchen bis zum Rand des Verbundraums im Süden, Düsseldorf (47km) sind es 13,10€. Damit kann man immerhin auch Züge im Verbundraum benutzen, wochentags kommt man jedoch spätestens ab Mitternacht nirgendwo mehr hin und je nach Wohnlage auch am Wochenende nicht. Manche Linien fallen sonntags gar vollständig weg. Auch Mehrfachtickets lohnen sich nicht immer, denn regelmäßig zum Jahresanfang werden die Preise erhöht und angebrochene Tickets verfallen oder müssen umgetauscht werden.

Also doch auf zum Fernbus, damit alles gut wird? Funktioniert natürlich so auch nicht. Fernbusse bieten längst kein so dichtes Streckennetz wie die Bahn, wodurch Absurditäten wie die im ersten Absatz erst entstehen. Auch die zeitliche Verfügbarkeit ist bei Bussen noch viel schlechter und je nach Strecke muss man erheblich längere Fahrzeiten in Kauf nehmen. Also wäge ich weiterhin jedes Mal sorgfältig ab, welche Kombination der Verkehrsmittel sich anbietet. Diesmal habe ich Glück: Für Hin- und Rückfahrt ist noch ein Sparpreis der Bahn zu einer akzeptablen Uhrzeit verfügbar, zusammen 43,50€ und dank Bahncard ist auch die Anschlussfahrt im VRR enthalten, die Überlegung, aus Protest lieber vom Bahnhof nach Hause zu laufen, entfällt also. Zweimal Umsteigen und auf der Strecke gibt es Bauarbeiten, aber wenn alles klappt, dauert es nur 7 Stunden, eine weniger als mit dem zwei Euro billigeren Bus, und da hätte ich auch zweimal umsteigen müssen, weil der Bus nur ab Leipzig und nur bis Dortmund fährt.

Und während ich hier überlege, wie ich möglichst billig quer durchs ganze Land fahre, treten die Lokführer der GDL schon wieder in Streik. Von den teuren Fahrpreisen kommt anscheinend nicht viel bei denen an, die mich aktiv von A nach B bringen. Die Bahn klagt über steigende Kosten für Ressourcen und Instandhaltung, aber die Preisanstiege werden stets an den Kunden weiter gegeben - es muss also etwas grundlegend falsch laufen.

An mangelnder Auslastung kann es jedenfalls nicht liegen. Denn während im VRR auch abends leere Gelenkbusse durch die Städte fahren und ich mich bei manchen Fernbusanbietern frage, wie man mit drei Fahrgästen zu 6€ in einem Bus von Berlin nach Leipzig Geld verdient, sind Züge stets einigermaßen bis sehr ausgelastet. Selbst morgens um 3 habe ich schon Züge erlebt, bei denen der Großteil der Sitzplätze belegt war. Sitzplatzreservierungen für 4,50€ je Strecke rechtfertigt das jedoch nicht. Auch dazu könnte man ganze Artikel verfassen - die verrückten Eigenarten des Zugfahrens was verfügbare Sitzplätze angeht, wer wo bevorzugt wird und was passiert, wenn die Wagen 20 bis 29 heute leider fehlen.

Das Thema Reisen ist einfach viel zu kompliziert. Im Jahr 2014 ist es ein so essentielles Bedürfnis, dutzende und hunderte Kilometer zurück zu legen, dass viel mehr in Massenverkehrsmittel investiert werden sollte - Geld, aber auch Zeit, um bestehende Systeme zu überarbeiten. Ein gut funktionierendes, bezahlbares öffentliches Verkehrssystem würde letztlich auch die Zahl der notwendigen Autofahrten reduzieren und damit wenig erfolgversprechende und umstrittene Forschungen an Elektroautos zur Schadstoffreduzierung überflüssig machen, wodurch wiederum Gelder frei werden würden. Aber vermutlich sehe ich die Welt einfach viel zu einfach.

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  1. Verkehrsverbund Rhein-Ruhr, erstreckt sich von Düsseldorf bis Dortmund

Das Schwierigste beim Studium ist, den Bezug zur Realität zu finden. Physiker stellen viele Ideale auf, damit sie Berechnungen durchführen können, und Psychologen arbeiten mit Theorien, die oft schwierig zu prüfen sind. Daher möchte ich in loser Folge festhalten, welche Alltagsphänomene mir begegnen, die mit den Themen meines Studiums tatsächlich erklärbar sind. Außerdem ist es gleichzeitig eine Antwortensammlung für die immer wieder gestellte Frage "Was hat denn Physik mit Psychologie zu tun?!".

  • Gas und Druck: Mit meiner Fahrradpumpe kann ich auch Autoreifen aufpumpen. Da aber der Druck sinkt, wenn das Volumen größer wird, muss ich das durch eine größere Gasmenge ausgleichen - also mehr Luft reinpumpen, um den gleichen Druck wie im Fahrradreifen zu erzielen. Ausgehend davon, dass ein Autoreifen etwa 30mal so viel Volumen hat wie ein Fahrradreifen, aber nur etwa ein Drittel des Drucks braucht, muss ich trotzdem 10mal so viel pumpen... zum Vergleich: Der Luftdruck an der Erdoberfläche auf dem Boden beträgt etwa 1 Bar, in einen Autoreifen kommen 2 bis 3, in einen Fahrradreifen 4 bis 6 und beim Tauchen in 50m Tiefe muss man etwa 5 Bar aushalten.
  • Nach einem verwandten Prinzip funktioniert übrigens auch das schnellere Kochen in Töpfen mit Deckel: Druck und Volumen hängen auch mit der Temperatur zusammen. Durch den Deckel verhindern wir das Entweichen von Wasserdampf und verringern das Volumen. Letzteres sorgt dafür, dass wir weniger Energie zum Erhitzen benötigen. Und wir erhalten eine bessere Kontrolle über den Kochvorgang - verteilt sich der Wasserdampf nämlich in der Küche, statt im Topf wieder zu kondensieren, steigt die Temperatur ebenfalls schneller und wenn wir nicht aufpassen, brennt etwas an. (Das heißt natürlich auch, dass wir weiter Energie sparen können, wenn wir nur so viel Wasser verwenden wie nötig.)
  • Psychophysik: Wenn ich mit dem Messbecher Waschmittel aus der Packung nehme, kann ich relativ gut schätzen, ob ich die richtige Menge vom verklumpten Waschmittel abgekratzt habe, ohne auf die Maßeinheit zu schauen - wenn ich mit einer geringen Menge anfange. Fange ich mit einer großen Menge an, fällt es mir schwerer, die richtige Menge wieder zurück zu schütten. Das liegt daran, dass die Empfindlichkeit für Gewichtsunterschiede abhängig vom Anfangsgewicht ist. Wir können 10 von 20 Gramm unterscheiden und 1 Kilo von 2 Kilo, aber nicht 1 Kilo von 1010 Gramm. Ähnlich verhält es sich auch mit anderen Reizen, zum Beispiel Licht - deshalb erblinden wir auch nicht direkt, wenn wir in die Sonne schauen, obwohl die Sonne nicht nur 3 oder 4 Mal so hell ist wie das Licht in unserem Zimmer, sondern viele tausend Mal so hell.
  • Psychoakustik: Wenn ich in meinem Bett liege, bin ich ziemlich nah dran an der rechten Box und ziemlich weit weg von der linken. Der Subwoofer ist irgendwo dazwischen. Während ich die rechte Box, die softwareseitig sogar etwas leiser eingestellt ist, sehr laut und den Subwoofer auch sehr deutlich höre, bemerke ich die linke Box gar nicht. Dahinter stecken zwei Phänomene: Zum einen wird die linke Box von der rechten überstrahlt. Unser Gehirn lokalisiert unterschiedliche Schallquellen anhand von Lautstärke, Frequenz und zeitlichem Abstand, aber wenn wir zwei Schallsignale empfangen, die zeitlich nur minimal versetzt eintreffen (mein Wohnzimmer ist nicht so groß) und die gleiche Frequenz haben (gleiches Lied aus beiden Boxen), kann dazwischen nicht mehr unterschieden werden und wir haben den Eindruck, nur aus einer Richtung etwas zu hören.
    Der Subwoofer hingegen gibt ganz andere Frequenzen wieder. Außerdem spielt dort auch ein physikalischer Effekt mit - während die höheren Klänge kurze Schallwellen ergeben, sind die Wellenlängen beim Subwoofer sehr lang. Bei den kurzen Wellenlängen können wir, da wir zwei Ohren haben, die unterschiedlichen Positionen der Welle an den Ohren nutzen um die Herkunft zu identifizieren. Die langen Basswellen schaffen aber nichtmal einen vollständigen Durchgang vom linken bis zum rechten Ohr, sodass es zwar einen zeitlichen Unterschied gibt, aber keinen relevanten Unterschied des Pegels. Dadurch fällt uns die Lokalisation von Bässen sehr schwer.

"Letztens" (April) war ich übrigens beim ADAC Fahrsicherheitstraining. In meiner Fahrschule wurde kräftig Werbung für den ADAC gemacht, als Fahranfänger bekam man ein Jahr kostenlose Mitgliedschaft und zu der kostenlosen Mitgliedschaft einen Gutschein für das PKW-Kurztraining (die kleinste Form des Sicherheitstrainings, gefolgt von Basis und Intensiv). Inzwischen habe ich meine Mitgliedschaft für 1€/Monat verlängert, den Service einmal in Anspruch genommen und den Gutschein genutzt.

Der Platz in Haltern, wo ich mich mit Auto hinbegeben sollte, liegt relativ versteckt am Ende einer Navi-Ansagen-Folge von "am Ende der Straße, biegen Sie ... ab". Diverse kleine und schmale Straßen führten aber sicher zum Ziel. Anmeldung und Warten erstmal unspektakulär, Getränke gab's zu menschlichen Preisen, zu essen dafür gar nix ("Getränke und Speisen sind selbst zu bezahlen"). Zu Beginn wurden dann erstmal alle Teilnehmer (gut 20) mit Ein-Weg-Funkgeräten2 ausgestattet, damit jeder die Anweisungen der Übungsleiter ins eigene Auto bekam.

Los ging's mit Slalom fahren um Hütchen, möglichst schnell, was mit einem 3-5m langen Haufen Blech gar nicht so einfach, aber durchaus witzig ist. Erstmal alle nach eigener Meinung, danach Besprechung mit den Übungsleitern, Änderungen an den Sitzpositionen zur besseren Kontrolle über das Fahrzeug und zum sicheren Fahren1 und Ideensammlung wie man die Hütchen schneller umfahren könnte, danach nochmal auf die Strecke. Ziel und Ergebnis der Übung: Herausfinden, bei welchen Geschwindigkeiten man den Wagen wie stark lenken kann, ohne die Kontrolle zu verlieren.

Beim nächsten Teil ging's ums Thema Bremsen. Auf nassem Untergrund sollten Verhältnisse wie auf nassem Laub oder Eis simuliert werden, um Notbremsungen bei schwierigen Verhältnissen zu üben. Interessant war dabei, dass alle Teilnehmer ABS hatten - bis auf eine. Die war dann heilfroh, erklärt zu bekommen, wie man das ohne ABS hinkriegt, und hat es auch ziemlich gut hinbekommen. Ich für meinen Teil habe gestaunt, wie gut man bei arbeitendem ABS noch lenken kann, und festgestellt dass unser Auto durchaus gut funktionierende Bremsen hat. Der Bremsweg auf ungünstigem Untergrund ist dennoch viiieeel länger als normal O_O. Die Übung umfasste dann insgesamt das Bremsen auf gerade Strecke auf verschiedenen Untergründen und später auch mit Ausweichen und vorbei lenken an einem simulierten Hindernis.

Hier enden leider meine Aufzeichnungen, also sorry, dass es jetzt etwas unpräzise wird. Weiter ging es jedenfalls mit einem größeren Parcours. Kurvenfahrten, nasser Untergrund, beschleunigen beim aus der Kurve kommen und Notbremsung aus möglichst hoher Geschwindigkeit. Nette Kombinationsübung. Ich glaube, wir haben dann dort auch noch das Ausweichen von vorher dazu genommen.

Genial war der Abschluss, als wir am Ende noch Zeit hatten... eigentlich umfasste das Training ja nur die kleinste Version, das "Kurztraining". Die Anlage kann aber viel mehr. Wir haben dann den Rest der Zeit damit verbracht, auszuprobieren, was in größeren Sicherheitstrainingspaketen geboten wird... dazu gehört simuliertes Reifenplatzen, um zu üben, den Wagen auch dann unter Kontrolle zu halten, und Hindernissen ausweichen mit "echten" Hindernissen (plötzlich auftauchenden Wasserwänden). Kann man natürlich auch kombinieren. Da hat's dann richtig angefangen Spaß zu machen...

Gelohnt hat sich die Aktion auf jeden Fall. Das mag sich jetzt vielleicht wenig anhören, aber erstens war es gratis und zweitens hat es trotzdem 8 Stunden gedauert, natürlich auch aufgrund der Anzahl der Teilnehmer. Aber selbst diese wenigen Übungen sind doch unersetzbar, denn wer probiert schon unter normalen Umständen mal sein ABS aus? Ganz zu schweigen von der Sache mit dem geplatzten Reifen. Mir hat's gefallen und ich kann es definitiv empfehlen - nur was zu essen wäre nicht schlecht gewesen...

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1 Bei voll durchgedrückter Kupplung dürfen die Beine nicht durchgestreckt sein (zerstört beim Aufprall die Gelenke), gleiches gilt für die Arme, die auch bei Druck gegen das Lenkrad nicht gestreckt sein dürfen. Die Hände sollten seitlich am Lenkrad sein ("viertel vor 3-Position"), die Daumen oben, so minimiert man Schäden bei eventuellem Aufprall und kriegt auch den Airbag nicht ab. Dabei merkt man vor allem, wie wichtig es ist möglichst viele Teile im Auto in ihrer Position verstellen zu können...

2 Schriebe ich One-Way, wüsste jeder, dass ich meine, dass die nur in eine Richtung funktionieren. Schreibe ich Ein-Weg, klingt es wie Einweg - sprich Wegwerf. Willkommen in der deutschen Sprache.


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