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Es ist der 25. Dezember und man sollte meinen es weihnachtet sehr, aber die Feiern sind für mich bereits abgeschlossen und es schneit nicht nur nicht, es ist auch noch herbstlich grau draußen. Eine wunderbare Gelegenheit sich drinnen zu verkriechen und Dinge zu erledigen, die eigentlich Spaß machen, aber auch Zeit kosten.

Reiseberichte zum Beispiel. Anfang April war ich für drei Tage in Amsterdam. Das ist hier vom Ruhrgebiet aus in zwei Stunden zu erreichen und wenn man zeitig bucht, kostet die Zugfahrt nur 19€. Lykke Li trat im Paradiso auf, wo ich immer mal hin wollte, und so hängte ich wie schon letztes Jahr in London noch einen Tag vorne und hinten dran. Der Plan war also: Mit minimalem Budget entspannte drei Tage abseits meines Alltags verbringen, ein tolles Konzert sehen und eine vielversprechende Stadt besuchen.

Das Hostel StayOkay Stadsdoelen (danke an's Hurra-Blog für den Tipp) war dabei eine große Hilfe. Es liegt auf halbem Weg zwischen Bahnhof und Paradiso, so dass ich die beiden Orte schonmal zu Fuß erreichen konnte. Da das Paradiso außerdem in der Nähe des ebenfalls recht bekannten Melkwegs und damit mitten in der Stadt liegt, hieß das, dass ich eine Menge sehen konnte ohne ein Verkehrsmittel zu benutzen.

Sightseeing stand ohnehin nicht auf dem Plan und für die effektiven zweieinhalb Tage hat es auch vollkommen gereicht, einfach die Straßen und Grachten entlang zu laufen und die Stadt, die Menschen und die Häuser anzusehen (und zu fotografieren). Eine Hochschule ist ebenfalls in der Innenstadt gelegen und so hat sich dort auch die Künstlerszene breit gemacht. Außerdem gab es natürlich, wie erwartet, hunderte Geschäfte zu bestaunen - ich habe wohl noch nie eine so umfangreiche Shoppingmeile gesehen. Mal ganz davon abgesehen, dass es in Amsterdam mehr "Diamond Factory"s als Fast Food-Filialen gibt...

Die Entscheidung, sich zu Fuß durch die Stadt zu bewegen, war definitiv eine gute. Von der Anreise mit dem Auto wurde mir ganz abgeraten - ich wüsste auch nicht, wo ich da hätte parken sollen. Straßenbahnen fuhren zwar oft und sogar meist abgetrennt vom normalen Verkehr, aber dennoch nicht schnell und außerdem war es schlichtweg unnötig. Und auch das hier selbst im Vergleich zu Münster viel genutzte Fahrrad hätte mich nicht glücklich gemacht - Fahrradparkplätze1 gab es zwar reichlich, die waren aber genauso voll wie die für Autos. :D

Aber wie gesagt, Sightseeing war nicht angesagt und damit entfiel auch das von-A-nach-B-Gehetze. Im Madame Tussaud's war ich also nicht, dafür konnte ich auf dem Platz davor an einem Straßenkonzert teilnehmen. Sehr sympathisch: Es scheint dort völlig normal zu sein, sich einfach auf den Boden zu setzen und zuzuhören. Bei uns wird man dafür leider merkwürdig angeguckt und bleibt damit meist alleine. In Amsterdam war ordentlich was los. Ebenso auf dem Weg zum Paradiso, wo vorm Burger King gerade ein Gitarrenlehrer seine Künste zum Besten gab und Bob Marley-Songs coverte. Für mich das perfekte Urlaubsfeeling - in der schon warmen Frühlingssonne sitzen, umgeben vom Trubel der Stadt, und Livemusik lauschen. hahahah

Auf großen Plätzen war überhaupt immer was los. Musiker, Künstler, Schauspieler, einmal ist eine ganze Kapoeira-Gruppe aufgetreten und hat sich dort viele Fans gemacht. Und wenn ich von dem Trubel mal genug hatte (oder vom ständigen Verlaufen in den vielen Straßen), konnte ich mich ins Hostel zurück ziehen und dort in Ruhe lesen.

Das Hostel war übrigens recht angenehm und dank nicht-Saisonpreis definitiv angemessen. Das Personal war ausgesprochen freundlich, es gab Schließfächer und Internet (welches ich allerdings nicht benutzt habe), die Betten waren beqeuem, sauber und groß genug, Duschen waren ausreichend vorhanden und in einem vernünftigen Zustand und das Frühstück war sparsam, aber anständig - wurde allerdings trotz der moderaten Zeiten nur von wenigen Besuchern genutzt.

Über das Konzert habe ich ja bereits früher berichtet. Die Location war übrigens genauso wundervoll wie ich mir das vorgestellt hatte und die Mitgliedschaft, die man dort braucht, hat auch keine Probleme verursacht, die gibt es in einer unkomplizierten Ein-Tages-Variante. Also nur unwesentlich verwirrender als unser merkwürdiges Raucherclubsystem. Fotografieren durfte ich dort allerdings leider nicht.

So ist aus diesem Kurztrip letztlich genau das geworden, was ich mir vorgestellt hatte: Eine entspannte Reise in eine wundervolle Stadt, vollkommen frei und stressfrei spontan gestaltet mit einem richtig guten Konzert als Höhepunkt. Sicher nicht mein letzter Besuch dort.

  1. Kein Witz, ich meine damit keine Ansammlung von fünf Fahrradständern, sondern richtige größere Flächen für Fahrräder. Es gab auch massig eigene baulich getrennte Fahrradstraßen!

Schon nach dem ersten Konzert von Lykke Li 2009 beim Hurricane-Festival, das ich nur halb sehen konnte, war klar, dass ich mir das nochmal ganz ansehen muss. Dieses Jahr tourt sie nun wieder durch Europa und da ich gerade im Reisefieber bin und immer mal ins Paradiso in Amsterdam wollte, stand schnell fest, dass ich einen Wochenendtrip nach Amsterdam unternehmen werde. Ich schrieb 2009, ich hätte noch nie ein so fasziniertes Publikum gesehen... das sollte auch so bleiben, die Show damals war wirklich atemberaubend.

Die in Amsterdam stand der aber in nichts nach. Nachdem es ewig dauerte, bis die Techniker auf die Bühne kamen, um Setlists, Wasserflaschen und Handtücher zu verteilen, war ich wohl nicht der einzige im Publikum, der schon gespannt wartete, was passieren würde. Es passierte - Nebel. Zwei große ins Publikum gerichtete Nebelkanonen ließen erstmal die gesamte Halle verschwinden. Technisch war damit der größte Effekt bereits ausgespielt; der dichte, sich schnell wieder lösende Nebel war das Hauptelement, alles andere wurde nur sehr sparsam verwendet.

lykke li setlist.pngMit donnernden Ambient-Sounds wurde das eingenebelte Publikum dann endgültig auf den Beginn hingewiesen und währenddessen kamen dann auch ganz unspektakulär Lykke mit Band und Backgroundsängerin auf die Bühne und hauten direkt die ersten beiden Songs raus, das instrumentale, unveröffentlichte "Come Near" und "Jerome" vom neuen Album. Überhaupt war bei dieser Show alles ziemlich sparsam - auch Moderation ist nicht gerade Lykkes Stärke, ein paar Worte zum Publikum ob wir denn auch alle gut drauf sind und ansonsten ein Song nach dem anderen, bunt gemischt vom alten und vom neuen Album, sehr zu meiner Freude ergänzt um nicht auf Alben veröffentlichte B-Seiten wie das mit Kleerup aufgenommene "Until we bleed" oder der Twilight-Soundtrack-Titel "Possibility". So war nach kaum zehn Minuten schon die Hölle los, als nach den beiden Anfangssongs direkt "I'm Good I'm Gone" folgte, was in der kleinen Halle lautstark alles weg geblasen hat.

Lykke Li gehört definitiv zu den Künstlern, die live besser wirken. Nicht nur, weil Tonqualität und Abmischung ausgereifter wirken und durch die Lautstärke alles viel klarer zu hören ist. Die neblige, durch das weißblaue Licht eiskalt wirkende Atmosphäre in der ansonsten stockfinsteren Halle hat mehr als einen Titel besser wirken lassen. Dazu kommt Lykke selbst, der man jede Emotion ansieht, bei der anscheinend bei jedem Song alles wieder hoch kommt, was sie diesen Text hat schreiben lassen; die, immer komplett in schwarz gekleidet, wahlweise äußerst heiß aussieht oder sich völlig verhüllt und teilweise sogar mit dem Mikro unter ihrem riesigen Mantel verschwindet; die gleichzeitig in ihrer Musik aufgeht und doch den totalen Überblick über das Bühnengeschehen hat.

Besonders viel an Bühnengeschehen gab es ja eigentlich gar nicht. Lykkes Band besteht aktuell aus zwei Keyboardern, einem Gitarristen/Bassisten, einem Perkussionisten, einem Drummer, einer Backgroundsängerin und ihr selbst, wobei sowohl sie selbst auch auch der Drummer und der Perkussionist immer wieder an den verschiedenen auf der Bühne verteilten Trommeln, Becken und elektronischen Drumelementen standen. So kommt jeder Song für sich mit sehr wenig Elementen aus, während das gesamte Spektrum an genutzten Instrumenten sehr breit ist.

Bei der schnellen Folge an Songs und der Mischung aus energiegeladenem Tanzen und fesselnden ruhigen Songs war irgendwie alles schnell wieder vorbei. Dabei dauerte das Konzert immerhin 1,5 Stunden und umfasste 21 Songs, davon vier Zugaben. Danach kam etwas, was ich noch gar nicht kannte: Fans sprangen auf die Bühne und sammelten Setlists und Drumsticks. Eine Setlist hab ich auch noch erwischt - für die Drumsticks kam ich leider zu spät und auch wenn Sticks nix kosten, gratis verteilt werden die von den Technikern nicht. Was soll's. hahahah

Das Paradiso ist übrigens wirklich eine sehr geile Halle. Die Wir sind Helden-Live-DVD wurde dort aufgenommen, daher mein Eindruck, dass es sich lohnen würde, dort mal hinzufahren. Das Konzert war ausverkauft, trotzdem war es ziemlich entspannt vorne in der siebten Reihe. Die Halle ist architektonisch nett anzusehen, die Bühne ist sehr hoch und ich hatte den Eindruck, dass man von überall gescheit sehen kann. Gleichzeitig glänzt das Paradiso durch hervorragende Technikausrüstung. Das Audiomischpult ist volldigital und vor der Show gab's statt einer Vorband einen DJ, der sein Werk echt gut verstand und die Zeit bis zum Konzert recht erträglich überbrückt hat. Außerdem liegt das Gebäude direkt neben dem Melkweg, dem Amsterdamer Kulturzentrum, und damit mitten in der Innenstadt.

Trotz der gefühlten Kürze war's ein genialer Abend. Das einzige, was störte, war die lange Wartezeit vorher, die das Konzert selbst dann noch kürzer erscheinen ließ. Dafür wurde ich in der Zeit angesprochen, warum ich denn eigentlich da sei; eine Zuschauerin wunderte sich über die (zugegebenermaßen nicht besonders vielen) männlichen Zuschauer. :D Nun, was sagt man dazu... hab dann die Story vom Hurricane erzählt und dass ich sie halt nochmal sehen wollte. Dass Lykke Li besonders weibliche Musik macht, hätte ich so nicht gesagt... aber so hat jeder seine eigene Auffassung. Bei der nächsten Tour bin ich jedenfalls sicher wieder dabei. hahahah

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